Mein Mann erklärte mir am Küchentisch, ich müsse nach der Scheidung aus unserer Wohnung verschwinden, und lächelte dabei, als hätte er einen Preis gewonnen.
Ich setzte gerade den letzten geschwungenen Buchstaben auf eine Einladungskarte, als Artjom im Türrahmen stehen blieb. In meiner rechten Hand lag mein elfenbeinfarbener Füllfederhalter, dessen Kappe seit Jahren einen feinen Riss hatte. Ich hatte ihn von meinem Vater bekommen, und obwohl er längst nicht mehr teuer war, schrieb er sauberer als jedes neue Schreibgerät.
Artjom wartete, bis ich den Punkt gesetzt hatte.
– Leg das weg, Ksenia. Wir müssen reden.
– Noch vier Buchstaben.
– Das ist wichtiger als deine Schnörkel.
Ich setzte die Feder ab, verschloss sie und drehte mich zu ihm. Er rieb seine Hände aneinander. Dieses Geräusch kannte ich. So begann er immer, wenn er etwas vorbereitet hatte und erwartete, dass ich am Ende diejenige sein würde, die sich entschuldigte.
– Ich denke schon lange darüber nach, sagte er.
– Das sagst du seit vier Jahren.
– Wir haben zu früh geheiratet. Zu früh eine Wohnung gekauft. Vielleicht hätten wir erst getrennt leben sollen.
– Wir leben seit sechs Jahren zusammen.
Er verzog den Mund.
– Du machst alles lächerlich.
– Ich versuche nur, dir zu folgen.
Artjom ging zum Fenster und sah auf den Innenhof. Unten schlug irgendwo eine Autotür. Der Heizkörper knackte, und plötzlich kam mir die ganze Wohnung fremd vor, obwohl ich jeden Kratzer an ihrem Parkett kannte.
– Ich will die Scheidung, sagte er.
– Gut.
Er drehte sich um.
– Gut?
– Du hast den wichtigsten Satz gesagt. Jetzt kommt der Rest.
Für einen Moment war er sprachlos. Ich sah genau, wie seine vorbereitete Rede aus dem Takt geriet.
– Du ziehst aus, sagte er schließlich. Die Wohnung bleibt bei mir.
Er rieb wieder seine Hände.
– Sie bleibt bei dir?
– Die Hypothek läuft auf meinen Namen. Die Raten gehen von meinem Konto ab.
– Und die Anzahlung?
Sein Blick wanderte zum Bücherregal.
– Welche Anzahlung?
– Siebenhundertzwanzigtausend Rubel. Meine Eltern haben sie direkt auf das Konto überwiesen. Mit dem Verwendungszweck.
– Deine Eltern haben uns geholfen.
– Sie haben ihrer Tochter geholfen.
– Wir waren verheiratet.
– Das warst du offenbar nur, solange es bequem war.
Sein Gesicht wurde hart.
– Ksenia, sei nicht kleinlich.
– Dann gib mir die Anzahlung zurück.
– Ich kann dir nicht sofort siebenhundertzwanzigtausend geben.
– Das habe ich auch nicht verlangt. Ich habe gefragt, wann.
Er setzte sich auf die Armlehne und verschränkte die Arme.
– Zwanzigtausend im Monat. Drei Jahre. Dann sind wir quitt.
Ich sah auf meinen Füllfederhalter. Die feine Spalte in der Kappe sah plötzlich aus wie ein kleiner schwarzer Blitz.
– Und wenn du deinen Arbeitsplatz verlierst?
– Das werde ich nicht.
– Wenn du nach sechs Monaten entscheidest, dass du genug gezahlt hast?
– Du hältst mich für einen Betrüger?
– Du hast gerade versucht, meine siebenhundertzwanzigtausend Rubel in sechsunddreißig kleine Versprechen zu verwandeln.
Er sprang auf.
– Ich biete dir eine vernünftige Lösung!
– Du bietest mir an, auf mein eigenes Geld zu warten.
Zwei Tage lang sprach er kaum mit mir. Am dritten Abend telefonierte er mit seiner Mutter. Ich stand im Flur und legte Einladungen in eine Papprolle, während seine Stimme durch die halb geschlossene Tür drang.
– Sie erinnert sich plötzlich an die Anzahlung, sagte er. Ja, genau. Siebenhundertzwanzig. Nein, ich habe das Geld nicht mehr. Deine Renovierung hat alles verschlungen.
Danach blieb es lange still.
– Verstanden, sagte er schließlich. Ja. Ich kümmere mich darum.
Als er herauskam, war sein Gesicht blass vor Ärger.
– Meine Mutter hat damals alles für die Renovierung ausgegeben.
– Das Geld meiner Eltern.
– Es wurde in unsere Wohnung gesteckt.
– Dann gehört es wenigstens nachweisbar zu unserem gemeinsamen Vermögen.
– Du zerstörst gerade unser Zuhause.
– Nein. Du hast beschlossen, dass es dein Zuhause sein soll.
Er schaltete im Wohnzimmer den Fernseher lauter. Ich nahm meinen Füllfederhalter und ging ins Schlafzimmer.
Dort rief ich meine Freundin Anja an. Sie schwieg so lange, dass ich dachte, die Verbindung sei abgebrochen.
– Ksenia, steht eure Wohnung an der Kreuzung zur Lugowaja-Straße?
– Ja. Warum?
– Weißt du, was dort geplant ist?
– Was soll dort geplant sein?
Ihre Stimme wurde leiser.
– Eine neue Schnellstraße. Eine Hochstraße. Die Auffahrt soll ungefähr vierzig Meter von eurem Haus entfernt verlaufen. Außerdem soll ein Einkaufszentrum auf einem Teil eures Hofes entstehen.
Ich setzte mich langsam auf die Bettkante. Der Füllfederhalter lag kalt in meiner Hand.
– Bist du sicher?
– Ich habe heute die Unterlagen gesehen. Ksenia, dein Mann weiß davon. Und wenn er jetzt unbedingt diese Wohnung behalten will, dann ist das kein Zufall. Ich schickte dir gerade eine Nachricht. Öffne sie nicht laut. Artjom könnte hören, was darin steht…
TEIL 2
Ich öffnete die Nachricht nicht sofort. Artjom saß nur wenige Meter entfernt, und der Fernseher lief so laut, dass die Gläser in der Vitrine leicht klirrten. Trotzdem hatte ich das Gefühl, seine Aufmerksamkeit liege auf mir.
Anja hatte drei Dateien geschickt. Die erste trug den Namen des Stadtbezirks, die zweite enthielt einen Lageplan, und die dritte war ein Foto von einem Sitzungsprotokoll. Ich las die Zeilen zweimal.
Die geplante Hochstraße war keine vage Idee. Der Beschluss war vor acht Monaten gefasst worden. Die Anwohner sollten später über Entschädigungen und Aufkäufe informiert werden.
Acht Monate.
Artjom hatte vor vier Jahren begonnen, von Scheidung zu sprechen. Aber erst vor zwei Wochen hatte er plötzlich darauf bestanden, dass ich ausziehe.
– Mit wem schreibst du? fragte er aus dem Wohnzimmer.
– Mit Anja.
– Wegen deiner Schreibsachen?
– Wegen einer Sache in unserem Viertel.
Er erschien an der Tür. In seiner Hand hielt er ein Glas Wasser, doch er trank nicht. Ein Tropfen lief außen am Glas hinunter und blieb an seinem Daumen hängen.
– Welche Sache?
– Eine Straße.
Sein Daumen verharrte.
– Was soll damit sein?
– Anja sagt, die Stadt will hier eine Hochstraße bauen.
Artjom stellte das Glas ab.
– Menschen erzählen viel.
– Sie arbeitet im Katasteramt.
– Das heißt nicht, dass aus jedem Entwurf etwas wird.
– Warum hast du dann gestern gesagt, die Wohnung sei bald nichts mehr wert?
Er blinzelte.
– Habe ich das gesagt?
– Beim Abendessen.
– Du verdrehst meine Worte.
Ich ließ ihn stehen und ging ins Wohnzimmer. Neben dem Fernseher lag seine Arbeitstasche. Sie war offen. Zwischen einem Ladegerät und zwei zerknitterten Quittungen sah ich einen braunen Umschlag mit dem Zeichen einer Baufirma.
Artjom kam hinter mir her.
– Fass meine Sachen nicht an.
– Dann nimm sie aus unserem gemeinsamen Zimmer.
– Ksenia.
– Was ist in dem Umschlag?
Er griff danach, aber ich war schneller. Nicht schnell genug, um ihn zu öffnen, doch schnell genug, um den Namen auf der Rückseite zu lesen: Nordbogen Entwicklungsgesellschaft.
Unter dem Namen stand handschriftlich: Vorvertrag Wohnung vierundachtzig.
Mein Magen zog sich zusammen.
– Was ist das?
– Ein berufliches Dokument.
– Deine Arbeit hat nichts mit unserer Wohnung zu tun.
– Du verstehst meine Arbeit nicht.
– Dann erklär sie mir.
Er riss mir den Umschlag aus der Hand. Dabei fiel ein kleiner Schlüssel auf den Teppich. Er war an einem roten Plastikstreifen befestigt, wie ihn Makler für Besichtigungen benutzen.
– Du hast die Wohnung jemandem gezeigt.
– Nein.
– Warum hast du einen Besichtigungsschlüssel?
– Der gehört nicht zur Wohnung.
– Er lag in deinem Umschlag.
Seine Lippen wurden schmal.
– Du bist hysterisch.
Dieses Wort hatte er früher benutzt, wenn ich nachts wegen seiner Nachrichten geweint hatte. Diesmal traf es mich nicht. Es machte mich nur aufmerksam.
Ich nahm meinen Füllfederhalter vom Tisch und schrieb auf die Rückseite einer Rechnung: Nordbogen. Vorvertrag. Wohnung vierundachtzig. Datum.
Artjom sah auf das Papier.
– Was soll das werden?
– Eine Erinnerung.
– Du solltest lieber eine Tasche packen.
– Ich ziehe erst aus, wenn geklärt ist, was dir gehört und was mir gehört.
Er lachte kurz.
– Dir gehört gar nichts allein.
– Das werden wir sehen.
Am nächsten Morgen traf ich Anja in einem kleinen Café neben dem Bahnhof. Es roch nach verbranntem Kaffee und nassen Mänteln. Sie schob mir einen Umschlag über den Tisch.
– Ich habe das nicht offiziell kopiert, sagte sie. Aber ich habe mir die Aktennummer gemerkt.
– Was steht darin?
– Der Straßenbau ist beschlossen. Die Stadt wird Grundstücke und Wohnungen entlang der Trasse aufkaufen. Eure Wohnung liegt in einem Bereich, der besonders hoch bewertet werden soll.
– Wie hoch?
Anja sah zum Fenster.
– Mehr als das Doppelte des heutigen Marktpreises.
Meine Finger schlossen sich um die Kaffeetasse. Sie war so heiß, dass meine Haut schmerzte.
– Artjom wusste davon.
– Davon bin ich überzeugt.
– Und die Baufirma?
– Nordbogen gehört zu einem Konzern, der die Flächen vorab aufkauft. Wenn er dir die Wohnung nach der Scheidung überlässt, bekommt er später die gesamte Entschädigung.
Ich dachte an seine geriebenen Hände. An das Wort „quitt“. An seine plötzlich gewachsene Eile.
– Ich brauche Beweise, sagte ich.
Anja legte den Finger auf den Umschlag.
– Dann geh heute Abend nicht allein nach Hause. Und unterschreib nichts.
Als ich am Abend unsere Wohnung betrat, war Artjom nicht im Wohnzimmer. Auf dem Tisch lag mein Füllfederhalter, obwohl ich ihn morgens in meine Tasche gesteckt hatte. Daneben lag ein Blatt Papier.
Oben stand: Vereinbarung über die Nutzung der Wohnung nach der Trennung.
Unten wartete eine freie Zeile auf meine Unterschrift.
Hinter mir fiel die Tür ins Schloss. Artjom trat näher und sagte:
– Wenn du heute unterschreibst, bekommst du morgen deine Ruhe. Wenn nicht, wird es für dich sehr unangenehm…
TEIL 3
Ich berührte den Füllfederhalter nicht. Er lag mitten auf dem Papier, genau über der freien Zeile, als hätte Artjom ihn dort absichtlich platziert.
– Hast du meine Sachen durchsucht? fragte ich.
– Ich habe nur dafür gesorgt, dass du dich nicht weiter verrennst.
– Du hast meinen Füller aus meiner Tasche genommen.
– Dann nimm ihn wieder, sobald du unterschrieben hast.
Ich schob das Blatt von mir weg.
– Ich unterschreibe gar nichts.
Artjom zog den Stuhl zurück. Das Holz kratzte über den Boden.
– Du glaubst, du könntest mich mit deinen Eltern und irgendwelchen Geschichten erpressen?
– Ich erpresse niemanden. Ich möchte wissen, warum eine Baufirma einen Vorvertrag über unsere Wohnung in deiner Tasche hatte.
Sein Gesicht veränderte sich. Nicht viel. Nur der Muskel an seiner Wange zuckte.
– Du hast den Umschlag geöffnet.
– Nein. Ich habe nur gelesen, was außen stand.
– Du verstehst nicht, was du da gesehen hast.
– Dann erkläre es mir.
Er schwieg.
Ich nahm mein Handy aus der Tasche und legte es auf den Tisch. Anja hatte mir kurz zuvor eine weitere Datei geschickt: den vollständigen Beschluss des Bezirks. Darunter lag ein Ausdruck der Überweisung meiner Eltern. Mein Vater hatte damals geschrieben: „Anzahlung für Ksenias Eigentumsanteil an der Wohnung.“
Artjom wurde bleich.
– Woher hast du das?
– Von meinem Vater. Er hat es aufgehoben.
– Das beweist gar nichts.
– Es beweist, dass du wusstest, woher das Geld kam.
– Wir waren verheiratet.
– Und du hast vor zwei Monaten einen Vorvertrag unterschrieben, um die Wohnung später teuer an Nordbogen zu verkaufen.
Er starrte mich an.
– Das ist eine Lüge.
– Dann ruf deinen Geschäftspartner an.
– Du hast keine Ahnung, worüber du redest.
Ich drückte auf die Wiedergabe meines Handys. Eine Aufnahme begann. Artjoms Stimme erklang, deutlich und nah, offenbar aus einem Gespräch mit seiner Mutter.
– Wenn Ksenia erst ausgezogen ist, gehört die Wohnung praktisch mir. Die Stadt zahlt später ein Vermögen. Sie wird nie erfahren, dass der Vorvertrag schon vorbereitet ist.
Im Raum war nur das Knacken des Heizkörpers zu hören.
Artjom wurde so still, dass ich seinen Atem wahrnahm.
– Woher hast du das? flüsterte er.
– Du hast am Dienstag deine Mutter angerufen. Dein Telefon lag auf dem Küchentisch. Die Aufnahme begann, als ich es zum Laden an die Steckdose angeschlossen habe.
– Das darfst du nicht verwenden.
– Vielleicht nicht allein. Deshalb habe ich heute mit einer Anwältin gesprochen.
Er trat einen Schritt zurück.
– Du hast schon eine Anwältin?
– Ja.
– Ksenia, wir können darüber reden.
– Wir reden seit vier Jahren.
– Ich wollte dich nicht betrügen.
– Du hast mir gesagt, ich solle auf mein eigenes Geld verzichten, damit du später mehr bekommst.
– Ich wollte die Wohnung behalten.
– Und den Gewinn.
Er setzte sich. Seine Hände zitterten jetzt.
– Nordbogen hat nur ein Angebot gemacht.
– Auf deinen Namen.
– Ich musste handeln, bevor die Preise steigen.
– Du hast gehandelt, während du mir die Scheidung erklärt hast.
Zum ersten Mal sah er nicht wütend aus. Nur erschöpft. Doch mein Mitleid kam nicht zurück. Es war zu lange für ihn gearbeitet worden.
Am nächsten Morgen traf ich meine Anwältin, Frau Berger, im Büro über einer Apotheke. Sie las den Vorvertrag, den Anja über die Aktennummer bestätigt hatte, und hob langsam den Kopf.
– Hier steht, dass Artjom die Wohnung als alleiniger Eigentümer angeboten hat.
– Das ist er nicht.
– Nein. Und hier ist die entscheidende Stelle: Der Kaufpreis soll erst nach Abschluss der Scheidung gezahlt werden.
– Er wollte mich vorher hinausdrängen.
– Genau.
Frau Berger legte die Überweisung meiner Eltern neben den Vorvertrag.
– Wir beantragen sofort eine Sicherung des Grundbuchs und untersagen jede Verfügung über die Wohnung.
– Kann er die Scheidung trotzdem einreichen?
– Natürlich. Aber er kann den Verkauf nicht mehr heimlich durchführen.
In diesem Augenblick klingelte mein Telefon. Die Nummer war unbekannt. Ich nahm ab.
– Frau Wolkowa? Eine Männerstimme klang hastig. Mein Name ist Sergej Malzew von Nordbogen. Wir haben Grund zu der Annahme, dass Herr Artjom Ihre Unterschrift gefälscht hat. Unsere Rechtsabteilung hat heute Morgen ein Dokument erhalten, das Sie niemals unterschrieben haben.
Ich sah Frau Berger an. Ihr Gesicht wurde schlagartig ernst.
– Welches Dokument? fragte ich.
Am anderen Ende entstand eine Pause.
– Eine Zustimmung zum Verkauf. Mit Ihrem Namen. Und mit einem Datum, an dem Sie nachweislich gar nicht in der Stadt waren…
Als der Käufer meine Unterschrift sah, rief er sofort an…
Ich dachte, die Wahrheit über die Wohnung wäre der schlimmste Teil. Doch dann tauchte ein Dokument auf, das alles veränderte.
„Sie müssen nichts mehr beweisen. Er hat sich selbst entlarvt.“
Zum ersten Mal konnte ich wieder ruhig atmen.
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