TEIL 4
– Welche Zustimmung? fragte ich.
Sergej Malzew antwortete erst nach einigen Sekunden.
– Eine notarielle Erklärung, dass Sie mit dem Verkauf der Wohnung einverstanden sind. Ihre Unterschrift sieht auf den ersten Blick echt aus. Aber der Notar, dessen Stempel darauf steht, war an diesem Tag nicht im Amt.
Frau Berger stand auf und schloss die Tür ihres Büros.
– Schicken Sie uns sofort eine Kopie. Nichts löschen. Nichts verändern.
– Das habe ich bereits getan, sagte Malzew. Ich wollte nur sicherstellen, dass Sie davon wissen.
– Warum warnen Sie mich?
– Weil mein Unternehmen keinen Vertrag mit einer Person schließen möchte, die möglicherweise nicht verfügungsberechtigt ist. Und weil Herr Artjom gestern sehr nervös war.
Ich beendete das Gespräch.
Meine Hände waren kalt.
Frau Berger nahm den Füllfederhalter, den ich unbewusst aus meiner Tasche geholt hatte, und legte ihn neben die Akte. Der feine Riss in der Kappe fing das Licht der Schreibtischlampe ein.
– Sie haben zwei Möglichkeiten, sagte sie. Wir können sofort strafrechtlich vorgehen oder zunächst verhindern, dass er irgendetwas verkauft, und ihn dann mit allen Unterlagen konfrontieren.
– Ich will nicht, dass er sich herausredet.
– Dann lassen wir ihn sprechen.
Artjom rief dreimal an, während wir auf die Kopie warteten.
Beim vierten Mal nahm ich ab.
– Wo bist du? fragte er.
– Bei meiner Anwältin.
Am anderen Ende wurde es still.
– Ksenia, hör mir zu. Es gibt ein Missverständnis.
– Nordbogen hat eine Zustimmung mit meiner Unterschrift.
Sein Atem stockte.
– Das ist nur ein Entwurf.
– Ein Entwurf mit dem Stempel eines Notars?
– Ich wollte dich nicht unter Druck setzen.
– Du hast mich unter Druck gesetzt, seit du mir gesagt hast, ich müsse aus unserer Wohnung verschwinden.
– Die Stadt macht alles kompliziert. Ich musste schnell handeln.
– Du wusstest also davon.
– Natürlich wusste ich davon. Jeder wusste davon.
– Anja wusste davon. Ich wusste nichts.
– Du hättest dich eben mehr für Immobilien interessieren müssen.
Ich sah Frau Berger an. Sie nickte kaum merklich.
Das Gespräch wurde aufgezeichnet.
– Wer hat die Zustimmung unterschrieben? fragte ich.
– Du.
– Ich war an diesem Tag bei meiner Mutter in Perwomaisk.
– Dann hast du eben vorher unterschrieben.
– Habe ich nicht.
– Du wolltest doch die Scheidung. Du hast gesagt, ich könne die Wohnung behalten.
– Ich habe gesagt, ich unterschreibe keinen Verzicht.
– Du verdrehst alles.
Seine Stimme wurde lauter, und plötzlich hörte ich genau das, was ich jahrelang überhört hatte: nicht Angst, nicht Bedauern, sondern die Überzeugung, dass meine Erinnerung weniger wert sei als seine Behauptung.
– Artjom, sagte ich ruhig. Hast du meine Unterschrift gefälscht?
Er antwortete nicht.
Dann sagte er:
– Du zwingst mich dazu, mich zu schützen.
Frau Berger schaltete den Lautsprecher ein. Wir hörten den Satz noch einmal aus dem kleinen Lautsprecher des Telefons.
Du zwingst mich dazu, mich zu schützen.
Artjom schwieg.
Er hörte seine eigenen Worte.
Zum ersten Mal konnte er sie nicht durch einen Streit übertönen.
– Das war nicht so gemeint, sagte er.
– Doch. Genau so war es gemeint.
Ich beendete das Gespräch.
Eine Stunde später kam die Kopie von Nordbogen. Die Unterschrift war tatsächlich meine. Nur der letzte Buchstabe hatte eine Schleife, die ich nie benutzte. Außerdem stand als Adresse noch unsere alte Postanschrift, obwohl wir vor zwei Jahren umgemeldet worden waren.
Frau Berger beantragte sofort die Grundbuchsperre.
Am selben Nachmittag rief die Bank an. Artjom hatte versucht, die Hypothek umzuschulden und dabei behauptet, ich sei mit dem Verkauf einverstanden.
Die Bank lehnte ab.
Sein Rechtsanwalt meldete sich am Abend.
– Mein Mandant möchte eine einvernehmliche Lösung, sagte er.
– Dann soll Ihr Mandant aufhören, Dokumente zu fälschen.
– Dafür gibt es derzeit keinen Beweis.
– Wir haben den Vorvertrag, die Aufnahme, die Überweisung und die falsche Zustimmung.
Es entstand eine lange Pause.
– Ich werde meinen Mandanten nicht weiter vertreten, sagte der Anwalt schließlich. Er hat mir gegenüber behauptet, die Zustimmung sei von seiner Ehefrau freiwillig unterzeichnet worden. Das kann ich nach Ihrer Kopie nicht mehr aufrechterhalten.
Artjom verlor damit innerhalb eines Tages die Kontrolle über alles, was er vorbereitet hatte.
Er konnte die Wohnung nicht verkaufen.
Er konnte die Entschädigung nicht allein beanspruchen.
Und er konnte die Geschichte nicht mehr so erzählen, als hätte ich ihn plötzlich verlassen und um sein Eigentum gekämpft.
Eine Woche später fand die erste Anhörung zur Scheidung statt. Der Richter sprach ruhig, fast gelangweilt, über Vermögensaufteilung und die Herkunft der Anzahlung. Artjom saß neben einem neuen Anwalt und hielt den roten Plastikstreifen des Besichtigungsschlüssels in der Hand.
Als die Aufnahme abgespielt wurde, senkte er den Kopf.
Nicht wegen mir.
Wegen der Menschen im Saal.
Der Richter hörte den Satz über den späteren Gewinn zweimal an.
– Haben Sie diese Stimme aufgenommen? fragte er mich.
– Ja.
– Haben Sie die Aufnahme verändert?
– Nein.
– Warum haben Sie sie angefertigt?
Ich sah zu Artjom.
– Weil ich aufhören musste, meiner eigenen Wahrnehmung zu misstrauen.
Die Wohnung wurde vorläufig als gemeinsames Vermögen behandelt. Die Anzahlung meiner Eltern wurde in die Berechnung aufgenommen. Artjom durfte dort wohnen, bis die Bewertung abgeschlossen war, aber jede Veräußerung wurde untersagt.
Nordbogen zog sich aus dem Vorvertrag zurück.
Die Stadt bestätigte wenige Wochen später offiziell die Trasse. Ein Teil unseres Hofes sollte tatsächlich weichen. Doch die Entschädigung würde nicht an Artjom allein gehen. Sie würde nach den Eigentumsanteilen und den nachgewiesenen Zahlungen verteilt werden.
Als ich an diesem Abend nach Hause kam, war das Schlafzimmer fast leer.
Artjom hatte seine Kleidung geholt. Nur ein einzelnes Foto lag noch auf dem Regal: wir beide auf der Einweihungsfeier, vor sechs Jahren, mit zwei Gläsern Sekt in der Hand. Hinter uns hing damals noch keine Gardine, und man konnte durch das Fenster den ganzen Hof sehen.
Neben dem Foto lag der rote Plastikstreifen vom Besichtigungsschlüssel.
Ich nahm ihn nicht mit.
Ich nahm nur meinen Füllfederhalter aus der Schublade.
Am nächsten Morgen zog ich in eine kleine Mietwohnung in einem älteren Viertel am Fluss. Die Küche war schmal, der Wasserhahn tropfte, und die Straßenbahn fuhr früh morgens so laut vorbei, dass ich am ersten Tag davon aufwachte.
Trotzdem schlief ich dort besser als in meiner alten Wohnung.
Ich begann wieder, Einladungen und Briefe zu gestalten. Meine erste Kundin war eine Hebamme, die Karten für die Geburt ihrer Tochter brauchte. Ich schrieb den Namen des Kindes mit meinem alten Füller und musste lächeln, als die Kappe beim Verschließen knackte.
Drei Monate später wurde die Scheidung ausgesprochen.
Artjom musste die Hälfte der nachgewiesenen Einlage berücksichtigen und durfte die Wohnung nicht behalten, ohne mich auszuzahlen. Die falsche Zustimmung wurde an die Ermittlungsbehörde weitergegeben. Ob er dafür verurteilt werden würde, lag nicht mehr in meiner Hand.
Ich hatte lange geglaubt, Gerechtigkeit müsse laut sein.
In Wirklichkeit kam sie oft als unscheinbarer Brief vom Grundbuchamt, als abgelehnte Überweisung oder als Anwalt, der sagte: „Ich mache das nicht mehr mit.“
An einem Samstag im November besuchte mich mein Vater. Er brachte eine Schachtel mit Gebäck und hustete noch immer so, wie er es seit Jahren tat.
– Du siehst müde aus, sagte er.
– Ich bin nicht mehr angespannt.
Er sah mich fragend an.
– Ist das ein Unterschied?
– Ein großer.
Ich erzählte ihm, dass ich inzwischen ein eigenes kleines Atelier gemietet hatte. Nur ein Raum im Erdgeschoss, mit einem Fenster zum Innenhof und einem wackeligen Tisch. Aber dort standen meine Papiere, meine Farben und die Auftragsbücher, die nur meinen Namen trugen.
– Deine Mutter hätte darauf bestanden, dass du etwas Helles nimmst, sagte er.
– Dann streiche ich die Wand im Frühjahr gelb.
Er lächelte.
– Und die Wohnung?
– Ich will sie nicht mehr.
– Obwohl sie vielleicht viel Geld wert ist?
– Gerade deshalb. Ich möchte nicht, dass mein neues Leben an dem Ort beginnt, an dem ich ständig beweisen musste, dass ich existiere.
Wir saßen am Fenster. Draußen begann der erste Schnee zu fallen. Die Flocken blieben auf dem schwarzen Geländer liegen, schmolzen und verschwanden.
Mein Vater fragte:
– Hast du Angst, dass du wieder falsch vertraust?
Ich dachte lange nach.
– Ich habe mehr Angst davor, wieder nicht auf mich zu vertrauen.
Im Dezember kam eine Nachricht von Artjom. Er schrieb, der Verkauf sei gescheitert, die Bank mache Schwierigkeiten, und die Wohnung könne nur gemeinsam vermietet werden. Er fragte, ob wir uns treffen könnten, „wie zwei vernünftige Erwachsene“.
Ich legte das Handy beiseite.
Am nächsten Morgen schrieb ich zurück.
„Ich wünsche dir, dass du deine Angelegenheiten ordnest. Ich werde sie nicht mehr für dich ordnen.“
Danach löschte ich seine Nummer.
Es fühlte sich nicht wie ein Sieg an.
Es fühlte sich wie Ruhe an.
Im Frühjahr wurde der alte Hof abgesperrt. Baufahrzeuge standen dort, wo ich früher mit einem Wäschekorb entlanggegangen war. Die Wohnung wurde schließlich verkauft, aber nicht zu dem Preis, den Artjom heimlich erwartet hatte. Nach den Kosten, der Entschädigung und meinem Anteil blieb ihm genug, um neu anzufangen.
Ob er es tat, wusste ich nicht.
Ich wusste nur, dass ich nicht mehr auf seine Entscheidungen wartete.
In meinem Atelier hing inzwischen ein Bild meiner Nichte. Sie hatte einen Tisch gemalt, darauf eine Frau mit einem langen schwarzen Stift. Über der Frau stand in krummen Buchstaben: „Ksenia schreibt ihre eigene Geschichte.“
Ich rahmte das Bild ein.
An einem kalten Morgen im Januar nahm ich den Füllfederhalter mit zum Fluss. Die Kappe war noch immer gerissen. Die Feder setzte manchmal aus, wenn ich zu schnell schrieb. Aber wenn ich langsam genug wurde, zog sie eine klare, dunkle Linie über das Papier.
Ich schrieb keinen Brief an Artjom.
Ich schrieb meinen Namen.
Dann steckte ich den Füller zurück in die Tasche und ging weiter, während hinter mir der erste Schnee auf dem alten Papier schmolz.
Diesmal schrieb niemand für mich weiter.
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