TEIL 4 — Mein Mann verlangte mein Erspartes für die Schulden seiner Mutter, doch nach meiner Antwort verlor er plötzlich seine Farbe

TEIL 4

Ich drehte mich um.

Konstantin stand unter dem Vordach des Notariats. Der Regen hatte wieder eingesetzt und lief ihm vom Haar über das Gesicht. Neben ihm hielt sein Rechtsbeistand die Aktentasche fest an die Brust gedrückt.

„Wer steckt dahinter?“, fragte ich.

Konstantin kam einen Schritt näher.

„Nicht hier.“

„Dann sag es hier.“

Sein Rechtsbeistand schüttelte den Kopf.

„Herr Berger, ich werde an diesem Gespräch nicht teilnehmen.“

„Sie können mich nicht einfach im Stich lassen!“

„Ich habe Sie nicht im Stich gelassen. Sie haben mir Informationen verschwiegen.“

Der Mann wandte sich an mich.

„Frau Berger, rufen Sie sofort Ihre Bank an und lassen Sie alle Vollmachten sperren. Außerdem sollten Sie die Wohnung nicht mehr allein mit Ihrem Ehemann betreten.“

Dann ging er.

Konstantin blieb zurück.

Sein Gesicht war jetzt nicht mehr wütend. Es war leer.

Mein Vater war noch am Telefon.

„Marina, geh weg von ihm. Wir kommen.“

„Papa, er wollte achtundsiebzigtausend Euro überweisen.“

„Wir kommen jetzt.“

Ich ging zur Straße. Meine Finger schmerzten, weil ich den kleinen Messing-Leuchtturm so fest umklammerte.

Konstantin folgte mir bis zum Taxi.

„Du verstehst das falsch“, sagte er.

„Ich habe die Dokumente gesehen.“

„Die Gesellschaft gehört nicht mir.“

„Wem gehört sie?“

Er antwortete nicht.

„Wem, Konstantin?“

„Meinem Bruder.“

Ich wusste, dass Konstantin keinen Bruder hatte.

Das Taxi hielt. Ich stieg ein und schloss die Tür.

Er schlug mit der Hand gegen die Scheibe.

„Marina, bitte! Hör mir zu!“

Ich sah ihn durch das nasse Glas an. Früher hätte ich die Tür wieder geöffnet. Früher hätte ich geglaubt, seine Panik sei ein Beweis dafür, dass ihm unsere Ehe wichtig war.

Diesmal fuhr ich los.

Am nächsten Morgen sperrte die Bank alle Konten, Kreditkarten und Vollmachten. Mein Vater saß neben mir im Beratungszimmer, meine Mutter hielt mir eine Tasse Tee hin. Der Tee roch nach Zimt, aber ich konnte kaum schlucken.

„Sie haben Glück gehabt“, sagte der Bankdirektor. „Die Überweisung wurde noch nicht ausgeführt.“

„Und die achtundvierzigtausend Euro?“

„Sie wurden an mehrere Handwerksbetriebe überwiesen. Wir prüfen, ob die Leistungen tatsächlich erbracht wurden.“

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Meine Mutter legte ihre Hand auf meinen Unterarm.

„Du musst nicht stark spielen.“

„Ich spiele nicht stark“, sagte ich. „Ich versuche nur, nicht wieder in dieselbe Falle zu gehen.“

Gegen Mittag rief Konstantin an. Ich nahm nicht ab. Er rief noch dreimal an. Danach kamen Nachrichten.

„Wir müssen reden.“

„Es war nicht so gemeint.“

„Dein Vater zerstört unsere Ehe.“

Ich löschte keine Nachricht. Mein Anwalt sicherte jede einzelne.

Am Nachmittag fuhr ich in unsere Wohnung, begleitet von meinem Vater. Konstantin war dort. Die neue schwarze Reisetasche stand im Flur, seine Schuhe lagen neben der Heizung.

„Du kannst nicht einfach meine Sachen holen“, sagte er.

„Das ist meine Wohnung.“

„Unsere Wohnung.“

„Der Kaufvertrag läuft auf meinen Namen. Du hast keine Eigentumsrechte.“

Er lachte nervös.

„Jetzt redest du schon wie dein Anwalt.“

„Nein. Jetzt rede ich wie jemand, der seine Unterlagen gelesen hat.“

Er ging ins Wohnzimmer und öffnete den Schrank. Dort stand noch der Lautsprecher, den wir zu unserer Hochzeit gekauft hatten.

„Du willst mich wirklich hinauswerfen?“

„Ich trenne mich von dir.“

„Nach allem, was ich für dich getan habe?“

„Nenne mir eine Sache.“

Er schwieg.

Mein Vater schaltete den Lautsprecher ein. Nicht, um Musik abzuspielen. Er hatte am Abend zuvor aus der Notariatsdatei eine Sicherung angefertigt.

Konstantins eigene Stimme erfüllte das Wohnzimmer.

„Wenn sie heute unterschreibt, ist die Wohnung gerettet. Wenn nicht, müssen wir Plan B nehmen.“

Dann meine angebliche Stimme:

„Ja. Ich übernehme die Verantwortung für den Kredit.“

Und schließlich Konstantin, leise und deutlich:

„Sie wird unterschreiben. Sie hat Angst, allein zu sein.“

Er wurde starr.

„Woher habt ihr das?“

„Von der Bank“, sagte ich.

Die Aufnahme lief weiter.

„Wenn sie sich weigert, verkaufen wir die Wohnung. Danach kann sie sehen, wo sie bleibt.“

Konstantin griff nach dem Lautsprecher und zog den Stecker.

Zu spät.

Er hatte seine eigenen Worte gehört. Nicht als Erinnerung in seinem Kopf, sondern aus dem kleinen schwarzen Gerät, kalt und fremd. Zum ersten Mal senkte er den Blick.

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„Ich war verzweifelt“, flüsterte er.

„Verzweiflung erklärt eine Entscheidung. Sie entschuldigt keine Lüge.“

Er setzte sich auf den Rand des Sofas.

„Meine Mutter hätte alles verloren.“

„Deine Mutter hat einen Kredit aufgenommen. Du hast meine Wohnung als Lösung benutzt.“

„Ich wollte dich nicht verletzen.“

„Du wolltest, dass ich nichts merke.“

Das war der Satz, auf den er keine Antwort hatte.

Ich ging ins Schlafzimmer und nahm den Koffer aus dem oberen Fach. In der untersten Schublade lag mein roter Wollschal, daneben der kleine Messing-Leuchtturm. Ich steckte ihn in die Manteltasche.

Als ich zurückkam, war Konstantin verschwunden.

Auf dem Küchentisch lag nur sein Ehering.

Ich ließ ihn dort liegen.

In den folgenden Wochen kamen Briefe von der Bank, von Anwälten und schließlich von der Staatsanwaltschaft. Der Kredit wurde gegen Olga Petrowna weitergeführt, soweit er rechtmäßig war. Die betrügerischen Unterlagen wurden aus der Akte entfernt. Die Handwerksfirmen mussten erklären, warum Leistungen berechnet worden waren, die niemand vollständig ausgeführt hatte.

Olga Petrowna rief mich einmal an.

Es war ein Sonntagmorgen. Draußen lag dünner Frost auf den Autodächern.

„Marina“, sagte sie, „ich wollte mich entschuldigen.“

Ich saß in meiner neuen kleinen Wohnung in einer anderen Stadt. Auf dem Fensterbrett stand eine Tasse mit einem Sprung im Henkel.

„Wofür?“

„Dafür, dass ich geglaubt habe, du würdest zahlen, nur weil du besser verdient hast.“

„Sie hätten mich fragen können.“

„Ich weiß.“

„Und Sie hätten Nein akzeptieren müssen, wenn ich Nein sage.“

Am anderen Ende weinte sie leise.

„Konstantin sagt, du hättest ihn zerstört.“

„Nein“, sagte ich. „Ich habe aufgehört, ihn zu retten.“

Danach hörte ich lange nichts.

Drei Monate später begann ich eine neue Stelle bei einem kleinen Bauunternehmen in Freiburg. Die Arbeit war anstrengender als meine alte, aber niemand kannte meine Ehegeschichte. Morgens kaufte ich mir ein Brötchen beim Bäcker an der Ecke. Mittags ging ich am Fluss entlang. Abends stellte ich das Telefon lautlos und öffnete die Fenster, auch wenn es kalt war.

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Meine Mutter besuchte mich an einem Samstag. Sie brachte eine Schachtel mit alten Fotografien mit. Auf einem Bild war ich zwölf Jahre alt, mit schiefem Pferdeschwanz und einem viel zu großen Fahrradhelm.

„Du hast schon damals immer nach vorne gesehen“, sagte sie.

„Nein“, antwortete ich. „Damals bin ich nur gefahren, weil Papa hinter mir herlief.“

Wir lachten.

Später malte ich mit meiner kleinen Nichte am Küchentisch. Sie zeichnete ein Haus, einen Fluss und einen gelben Kreis am Himmel.

„Was ist das?“, fragte ich.

„Ein Leuchtturm“, sagte sie. „Damit niemand verloren geht.“

Ich nahm den Messing-Leuchtturm aus meiner Tasche und legte ihn neben ihr Blatt. Das Metall war an einer Stelle zerkratzt, dort, wo ich ihn in jener Nacht so fest gehalten hatte.

„Der ist alt“, sagte sie.

„Ja.“

„Funktioniert er noch?“

Ich lächelte.

„Besser als früher.“

Am Abend kam eine letzte Nachricht von Konstantin. Er schrieb, der Prozess sei vorbei, die Schulden seien geregelt, und er habe verstanden, wie sehr er mich liebe. Er bat um ein Treffen in dem Café, in dem er mir vor fünf Jahren den ersten Blumenstrauß geschenkt hatte.

Ich las die Nachricht zweimal.

Dann schrieb ich zurück:

„Ich wünsche dir, dass du dein Leben selbst in Ordnung bringst. Aber ich komme nicht zurück.“

Er antwortete sofort.

„Du wirst es bereuen.“

Ich legte das Telefon umgedreht auf den Tisch und löschte die Nachricht nicht. Nicht aus Hoffnung. Nur, weil ich nichts mehr verstecken musste.

Am nächsten Morgen fiel der erste Schnee. Ich ging zu Fuß zur Arbeit. Die Straßen waren still, und unter meinen Schuhen knirschte das Eis. Vor dem Büro blieb ich stehen, nahm den Schlüssel aus der Tasche und sah auf den kleinen Messing-Leuchtturm.

Er baumelte an meinem Schlüsselbund und fing den blassen Morgen auf.

Dann schloss ich die Tür zu meinem neuen Leben auf.

Ich ging hinein.

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