TEIL 4
Um dreizehn Uhr saß ich mit Nora in einem kleinen Besprechungsraum der Bank. Die Heizung klopfte in den Wänden, und vor mir stand ein Glas Wasser, das ich nicht angerührt hatte.
„Der Antrag wurde mit Ihren Daten gestellt“, sagte der Bankdirektor. „Aber die digitale Signatur stammt nicht von Ihrem Gerät.“
„Von welchem Gerät dann?“
Er drehte den Bildschirm zu uns. „Von einem alten Rechner in der Halle.“
Nora atmete langsam aus.
„Die Halle wird gerade versiegelt“, sagte sie. „Die Polizei ist unterwegs.“
Mein Telefon klingelte.
Artem.
Ich nahm nicht ab.
Er rief erneut an.
Dann kam eine Nachricht: „Du zerstörst gerade alles, was wir aufgebaut haben. Ruf mich an, bevor es zu spät ist.“
Ich las sie zweimal. Nicht, weil ich ihn vermisste. Sondern weil ich überlegte, wie oft ich früher solche Worte geglaubt hatte.
Nora nahm mir das Telefon aus der Hand.
„Antworte nicht.“
„Er wird behaupten, ich hätte ihn provoziert.“
„Dann soll er es behaupten.“
Eine Stunde später kam Artem zur Bank. Er trug denselben dunklen Mantel wie am Vormittag, aber sein Kragen stand schief. In seiner Hand hielt er einen zerknitterten Ordner.
„Swetlana, wir müssen vernünftig reden.“
„Das hätten wir vor sieben Jahren tun können.“
„Du verstehst nicht, unter welchem Druck ich stand.“
„Du hattest die Wahl.“
„Karina hat mich manipuliert.“
„Du hast ihre Handynachrichten geschrieben.“
„Sie hat mich gegen dich aufgehetzt.“
Nora stellte sich neben mich. „Herr Petrowa, verlassen Sie bitte das Gebäude. Die Bank hat Ihre Vollmacht widerrufen.“
Er starrte sie an. „Sie sind ihre Anwältin, nicht ihre Eigentümerin.“
„Das stimmt. Aber ich kann lesen.“
Zum ersten Mal fehlte ihm eine Antwort.
Am Abend musste Artem seine eigenen Worte anhören. Die Polizei hatte in der Halle den alten Rechner beschlagnahmt. Auf ihm lagen die Vertragsentwürfe, die eingereichten Zeichnungen und eine Tonaufnahme aus dem Januar.
Wir saßen in einem nüchternen Raum auf dem Polizeirevier. Eine Lampe summte über unseren Köpfen. Artem saß mir gegenüber, die Hände auf den Knien.
Der Beamte drückte auf die Wiedergabe.
„Sie merkt nichts. Sie vertraut mir. Wenn die erste Zahlung kommt, gehört mir endlich etwas.“
Artems Gesicht wurde leer.
Seine eigene Stimme sprach weiter.
„Und wenn sie weint, sage ich einfach, sie sei zu empfindlich. Das funktioniert immer.“
Der Beamte stoppte die Aufnahme.
Artem sah mich an. „Ich habe das nicht so gemeint.“
„Du hast es gesagt.“
„Ich war wütend.“
„Du warst geplant.“
Er senkte den Kopf.
Später unterschrieb er die vorläufige Verfügung, die ihm jeden Zugang zur Halle und zu meinen Unterlagen untersagte. Gegen ihn wurde wegen Betrugs, Urkundenmissbrauchs und unrechtmäßiger Verwendung meiner Daten ermittelt. Es war keine dramatische Verhaftung. Niemand schrie. Niemand applaudierte.
Nur der Beamte nahm ihm den Schlüsselbund ab.
An dem Bund hing eine kleine Messingglocke.
Drei Tage später stand ich allein in der Wohnung. Artems Kleidung war verschwunden. Auch die Kaffeemaschine, die er immer als „seine“ bezeichnet hatte, fehlte.
Im Schlafzimmer war eine helle rechteckige Stelle an der Wand geblieben, wo unser Hochzeitsfoto gehangen hatte.
Ich nahm das Bild ab.
Auf der Rückseite stand noch immer das Datum unserer Hochzeit. Darunter hatte Artem damals geschrieben: „Für immer, egal was kommt.“
Ich drehte den Rahmen um und legte ihn in eine Schublade.
Nicht aus Trauer.
Aus Müdigkeit.
Die winzige Messinglampe des Modellhauses stand noch auf meinem Schreibtisch. Artem hatte sie nie bemerkt. Er hatte nur gesehen, dass sie klein war.
Ich sah, wie viel Licht sie gab.
Sechs Wochen später arbeitete ich wieder in der Werkstatt. Die Stiftung hatte einen neuen Namen bekommen: Haus der kleinen Dinge. Kinder aus der Nachbarschaft kamen samstags und bauten Miniaturzimmer. Sie klebten Fenster schief ein, setzten Türen verkehrt herum und waren stolz auf jedes einzelne Ergebnis.
Nora saß oft am Fenster und trank Kaffee. Karina hatte sich bei mir entschuldigt. Ich nahm ihre Entschuldigung an, ohne sie wieder in mein Leben zu lassen.
„Du musst ihr nicht verzeihen, damit du ruhig schlafen kannst“, sagte Nora.
„Ich weiß.“
„Und Artem?“
Ich blickte auf den ersten Schnee, der auf der Fensterbank liegen blieb.
„Er bekommt jetzt genau das Leben, das er wollte. Ohne mich, die es für ihn zusammenhält.“
Im Februar kam meine Nichte Mila zu Besuch. Sie war neun Jahre alt und trug eine gelbe Mütze, an deren Bommel Eiskristalle hingen.
„Warum ist Onkel Artem nicht mehr hier?“, fragte sie.
Ich stellte zwei Tassen Kakao auf den Tisch.
„Weil Erwachsene manchmal etwas kaputtmachen und dann behaupten, jemand anderes sei schuld.“
Mila dachte darüber nach. „Hast du ihn trotzdem lieb gehabt?“
„Ja.“
„Und jetzt?“
Ich sah zu dem kleinen Modellhaus. Die winzigen Fenster waren warm beleuchtet.
„Jetzt habe ich mich lieb genug, um nicht mehr zu bleiben, wo man mich kleiner macht.“
Mila nahm einen roten Buntstift und malte eine Tür auf ein Blatt Papier. Daneben zeichnete sie ein Haus mit sechs Fenstern.
„Das ist deins“, sagte sie.
„Warum hat es keine Mauern?“
„Damit du rausgehen kannst.“
Ich lachte. Zum ersten Mal seit Monaten klang es nicht gezwungen.
Im Frühling eröffnete die Werkstatt offiziell. Wir bauten keine Drachen mehr, die Artem verkaufen wollte. Wir bauten kleine Häuser für Menschen, die neu anfangen mussten. Ein Mädchen setzte eine winzige Lampe in einen Raum ohne Fenster.
„Ist das nicht zu dunkel?“, fragte ich.
„Nein“, sagte sie. „Die Lampe ist ja da.“
Am selben Abend kam eine Nachricht von Artem. Er schrieb, seine Anwälte hätten ihm geraten, sich zu einigen. Er wolle nur seine persönlichen Sachen holen. Außerdem habe er verstanden, dass er einen Fehler gemacht habe.
Ich antwortete erst am nächsten Morgen.
„Deine Sachen liegen im Karton vor der Tür. Für alles andere gibt es die Anwälte. Bitte kontaktiere mich nicht mehr persönlich.“
Er schrieb zurück: „Du warst einmal mein Zuhause.“
Ich löschte die Nachricht.
Nicht aus Hass.
Weil ich kein Zuhause mehr für jemanden sein wollte, der nur bleiben wollte, solange ich die Rechnungen bezahlte und seine Lügen trug.
Am ersten Dezember fiel wieder Schnee. Ich schloss die Werkstatt ab, löschte die großen Lampen und blieb einen Augenblick im Dunkeln stehen.
Auf meinem Tisch stand das kleine Modell unseres alten Hauses. Ich hatte das Dach neu gestrichen, die Tür ausgetauscht und neben die Treppe eine zweite, winzige Tür gesetzt.
Eine für mich.
Ich nahm die Messinglampe zwischen zwei Finger und schaltete sie ein. Ihr warmes Licht fiel auf die kleinen Fenster, auf Milas Zeichnung und auf den Schlüssel, der nicht mehr zu Artems Halle führte.
Draußen läutete irgendwo eine Türglocke.
Ich ließ sie klingeln.
Dann schloss ich die Tür von innen.
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