TEIL 4
— Julian Voss — wiederholte ich.
Der Name sagte mir zunächst nichts. Dann sah ich Emmetts Gesicht.
Er hatte die Farbe verloren.
— Das kann nicht sein — sagte er.
— Wer ist Julian? — fragte ich.
Emmett antwortete nicht. Claire ging zum Fenster des kleinen Büros und zog den Vorhang zur Seite. Unten am Parkplatz stand ein schwarzer Wagen mit laufendem Motor. Ein Mann lehnte an der Fahrertür. In seiner Hand hielt er einen braunen Umschlag.
Margot kam näher.
— Ist das der Mann, der in unser Haus will?
Ich stellte mich vor sie.
— Du bleibst hinter mir.
Emmett ging aus dem Büro. Ich folgte ihm, Marta und Frau Seidel dicht hinter uns. Claire blieb zunächst zurück, doch nach wenigen Sekunden hörten wir ihre Absätze auf dem Steinboden.
Der Mann wartete am Rand des Parkplatzes. Er war ungefähr fünfzig, trug einen makellosen dunkelblauen Mantel und hielt die Geburtsurkunde so, als sei sie ein Eintrittskärtchen.
— Herr Falk — sagte er. — Wir sollten miteinander sprechen.
— Sie sind Julian Voss? — fragte ich.
— Ja.
Emmett blieb stehen.
— Sie haben versucht, mein Haus zu kaufen.
— Ich habe versucht, eine offene Angelegenheit zu regeln.
— Sie haben eine gefälschte Vollmacht verwendet.
Julian blickte zu Claire.
— Sie hat mir versichert, alles sei mit Ihnen abgesprochen.
Claire ging an ihm vorbei.
— Du solltest erst morgen kommen.
— Morgen wäre der Eigentumsübergang abgeschlossen gewesen. Ich wollte nicht riskieren, dass Ihr Mann seine Meinung ändert.
Emmett fuhr herum.
— Was bedeutet das?
Julian zog einen zweiten Umschlag hervor. Darin lag eine Kopie eines alten Darlehensvertrags.
— Ihre Frau Phoebe hat vor ihrer Hochzeit ein Darlehen aufgenommen. Bei meiner Firma. Das Geld brauchte sie für ihre medizinische Behandlung und später für die Renovierung des Hauses. Ein Teil wurde nie zurückgezahlt.
Ich spürte, wie mir der Boden unter den Füßen schwankte.
— Phoebe hatte Schulden?
— Keine gewöhnlichen Schulden — sagte Julian. — Mein Vater war ihr leiblicher Vater.
Emmett sah ihn an.
— Was?
Julian reichte ihm die Kopie.
— Phoebe wurde als Kind adoptiert. Ihr leiblicher Vater war mein älterer Bruder. Er starb, bevor er sie finden konnte. Nach seinem Tod entdeckte ich seine Unterlagen und suchte nach ihr. Als ich sie endlich fand, wollte sie kein Geld. Sie wollte nur, dass Margot geschützt blieb.
Claire lachte hart.
— Das ist unmöglich. Phoebe hätte Emmett davon erzählt.
— Sie erzählte es mir — sagte Julian. — Und sie bat mich, niemals in ihr Leben zu treten, solange sie selbst für ihre Tochter sorgen konnte.
Frau Seidel nahm ihm den Vertrag aus der Hand.
— Dieses Darlehen wurde vor drei Jahren vollständig beglichen.
Julian nickte.
— Von Phoebes Lebensversicherung. Der Rest wurde auf ein Treuhandkonto für Margot gelegt. Claire wusste davon.
Alle Blicke wanderten zu ihr.
Emmett trat einen Schritt zurück.
— Woher?
Claire presste die Hände gegen ihren Bauch.
— Ich habe die Unterlagen in deinem Schreibtisch gefunden.
— Du hast in meinem Schreibtisch gesucht?
— Ich wollte wissen, warum du ständig über Phoebe sprichst, warum dein ganzes Leben um ein totes Mädchen und ihr Kind kreist.
— Es war auch mein Leben — sagte Emmett.
— Nein! — Claire schleuderte das Wort heraus. — Für dich war ich immer nur die Frau, die nach ihr kam.
Das war der unerwartete Teil, den niemand im Saal sehen wollte: Claire hatte nicht nur nach Geld gegriffen. Sie hatte versucht, Phoebe aus allen Räumen zu verdrängen, weil sie selbst glaubte, niemals gegen eine Tote gewinnen zu können.
Aber ihre Angst machte ihre Taten nicht kleiner.
Marta stand mit verschränkten Armen neben mir.
— Sie haben die Schule bezahlt, nicht wahr?
Claire schwieg.
— Sie haben die Aufnahmegebühr überwiesen — sagte Marta. — Und Sie haben den Kaufvertrag vorbereitet.
Emmett blickte zu Julian.
— Wohin sollte das Geld gehen?
Julian antwortete:
— Auf ein Konto, das auf den Namen einer Stiftung läuft. Der einzige wirtschaftlich Berechtigte ist Margot.
Claire fuhr herum.
— Das stimmt nicht!
— Doch — sagte Julian. — Ich habe die Stiftung eingerichtet, weil Phoebe mich darum bat. Claire hätte das Geld nicht behalten können. Aber sie hätte Zugriff auf die Immobilie gehabt, wenn sie Emmett geheiratet und Margot fortgeschickt hätte.
Emmett sah seine Braut an.
— Du wolltest mich heiraten, das Haus verkaufen und meine Tochter wegschicken.
— Ich wollte ein Leben mit dir!
— Ohne sie?
Claire weinte jetzt, aber niemand ging zu ihr.
— Ich dachte, wenn Margot weg ist, kannst du endlich frei sein.
Emmetts Stimme brach.
— Ich bin ihr Vater. Wie konntest du glauben, ich würde frei sein, wenn ich sie verliere?
Margot zog an meinem Ärmel.
— Opa, ist Papa böse auf mich?
Ich kniete mich hin.
— Nein. Er ist traurig, weil Erwachsene etwas getan haben, das niemals hätte geschehen dürfen.
Emmett sank vor ihr auf die Knie.
— Ich bin nicht böse auf dich. Niemals.
Margot legte ihre kleine Hand auf seine Wange.
— Dann darf ich auf dem Foto neben dir stehen?
Emmett schloss die Augen.
— Du wirst neben mir stehen. Und neben Opa. Wenn du willst, stehen wir so lange dort, bis der Fotograf keine Bilder mehr machen kann.
Claire nahm ihren Ring ab. Der kleine Diamant fiel auf den Asphalt und sprang zwischen zwei Pflastersteine.
— Du hast mich nie geliebt — sagte sie.
Emmett hob den Blick.
— Ich habe dich geliebt. Aber ich habe dich nicht gut genug angesehen.
— Und jetzt?
— Jetzt sehe ich, was du getan hast.
Er gab ihr den Ring nicht zurück. Er hob ihn auch nicht auf.
Die Hochzeit war vorbei, bevor jemand das Wort aussprach. Das Quartett packte seine Instrumente ein. Die Gäste erhielten ihre Mäntel, während im Festsaal noch immer die weißen Blumen an den Stühlen hingen.
Frau Seidel erklärte den Verkauf für unwirksam und übernahm gemeinsam mit mir die Verwaltung des Treuhandkontos. Der gefälschte Vertrag würde geprüft werden, aber Emmett bat darum, Claire nicht vor allen abführen zu lassen. Er sagte, er wolle seine Tochter nicht mit einem solchen Bild in Erinnerung lassen.
Claire ging allein zum Wagen. Vor der Tür blieb sie stehen.
— Henrik — sagte sie.
Ich antwortete nicht sofort.
— Ich habe Margot gehasst, weil sie dich und Emmett an Phoebe erinnert hat. Aber eigentlich habe ich sie gehasst, weil sie mich daran erinnerte, dass ich immer nur darum gebeten hatte, gewählt zu werden.
— Das hätte niemanden berechtigt, sie fortzuschicken.
— Ich weiß.
Sie sah zu Margot, die bei Emmett stand und seine Krawatte schief zog.
— Wird sie mir jemals vergeben?
— Das ist nicht deine Entscheidung.
Claire nickte. Zum ersten Mal versuchte sie nicht, diesen Satz zu bekämpfen.
Dann stieg sie in den Wagen und fuhr davon.
Julian blieb zurück. Er bat mich, mit ihm zum Haus zu kommen. Dort zeigte er mir die Unterlagen seines Bruders, Phoebes Adoptionspapiere und einen Brief, den sie ihm zwei Wochen vor ihrem Tod geschrieben hatte.
In diesem Brief stand nur ein Satz, der mich endgültig zum Weinen brachte: „Wenn Margot eines Tages fragt, ob ihre Mutter sie verlassen hat, sag ihr bitte, dass ich alles getan habe, um noch lange bei ihr zu bleiben.“
Am nächsten Morgen fuhr ich mit Emmett und Margot zum Haus. Der Fotograf, der eigentlich die Hochzeit hätte begleiten sollen, war noch im Hotel geblieben. Marta hatte ihn angerufen.
Im Garten stellte Margot sich zwischen uns. Sie trug noch immer ihr rosafarbenes Kleid, nur die Papierschachtel mit den Haarspangen lag nun auf der Veranda.
— Opa, lächelst du? — fragte sie.
— Ich versuche es.
— Dann denk an Mama.
Emmett nahm ihre Hand.
— Deine Mutter wäre stolz auf dich.
Der Fotograf hob die Kamera. Margot sah nicht in das Objektiv, sondern auf die alte Taschenuhr in meiner Hand.
— Die soll auch aufs Bild — sagte sie.
Ich legte die Uhr in ihre kleine Hand. Sie hielt sie zwischen uns, während die Kamera klickte.
Nicht als Beweis für eine perfekte Familie.
Sondern als Beweis dafür, dass eine Stimme aus der Vergangenheit manchmal noch rechtzeitig die richtige Tür findet.
Margot betrachtete das Bild auf dem Display und sagte:
— Jetzt sind wir wieder alle drauf.
Missed the beginning?







