Ich hatte kaum noch Kraft, als der Fremde meine kaputte Karre sah — und plötzlich hörte der Schütze am Berghang auf zu lächeln

Der erste Schuss fiel, bevor ich überhaupt begriffen hatte, dass der Fremde neben meiner Karre nicht zufällig dort war.

Die Kugel riss durch den Holzpfosten, an dem ich mich festhielt. Splitter bohrten sich in meine Handfläche, und ich stolperte rückwärts gegen meinen Bauch. Das Kind in mir bewegte sich heftig. Ich presste beide Hände darauf.

„Steigen Sie ein!“, rief der Mann.

Er stand neben einer schweren Lastkarre, die aus den Kiefern gekommen war, als hätte der Berg selbst ihn geschickt. Sein Pferd war dunkelbraun, schweißnass und so ruhig, dass mir diese Ruhe unheimlicher vorkam als der Schuss. Der Mann trug einen breitkrempigen Hut, dessen Lederrand an einer Stelle eingerissen war. Unter dem linken Auge verlief eine dünne weiße Narbe.

„Meine Sachen“, keuchte ich.

„Ihre Sachen können ersetzt werden.“

„Das können sie nicht.“

Ich zeigte auf die kleine Holzkiste neben meiner zerbrochenen Karre. Darin lagen Daniels Briefe, sein Ehering und die Landurkunde, die er mit eigener Hand abgeschrieben hatte. Alles andere hätte ich verlieren können. Nicht das.

Der Fremde sah zur Kiste, dann zum Berghang. Seine Finger schlossen sich um den Zügel.

„Dann nehmen wir die Kiste mit.“

Er sprach leise. Zu leise für einen Mann, auf den gerade geschossen wurde.

Oben zwischen den Felsen bewegte sich etwas. Ein Sonnenblitz glitt über Metall. Ich sah fünf Reiter, kaum mehr als schwarze Flecken gegen das helle Gestein.

„Wer sind diese Männer?“, fragte ich.

„Männer, die nicht wollen, dass Sie Eagle Ridge erreichen.“

„Woher wissen Sie, wohin ich will?“

Sein Blick traf meinen. Für einen Moment hatte ich das Gefühl, er kenne nicht nur mein Ziel, sondern auch meinen Namen.

„Steigen Sie ein, Abigail.“

Mein Herz setzte aus.

„Woher kennen Sie meinen Namen?“

„Später.“

Er packte meinen Arm. Nicht grob, aber so fest, dass ich nicht widersprechen konnte. Meine Stiefel rutschten auf dem staubigen Trittbrett ab. Er fing mich auf, hob mich beinahe auf den Sitz und setzte sich neben mich. Dabei roch ich Leder, Pferdeschweiß und den scharfen Duft von Wacholder, der aus einer kleinen Tasche an seinem Gürtel kam.

„Ich kann nicht einfach einem Fremden folgen“, sagte ich.

„Sie folgen mir nicht. Sie fliehen mit mir.“

Hinter uns spannte sich irgendwo ein Gewehrhahn.

Der Mann schlug die Zügel gegen das Geschirr. Die Pferde zogen an. Meine kaputte Karre blieb zurück, die gebrochene Achse schief im Geröll. Ich sah den Koffer mit den wenigen Kleidern, die ich noch besaß, zwischen den Steinen liegen.

Dann krachten fünf Schüsse zugleich.

Die Kugeln trafen den leeren Sitz, sprengten Kiefernrinde ab und pfiffen so dicht an meinem Ohr vorbei, dass ich den heißen Luftzug spürte. Ich duckte mich, aber der Mann neben mir blieb aufrecht.

„Wie heißen Sie?“, fragte ich.

„Elias Voss.“

„Und warum retten Sie mich?“

„Weil Ihr Mann mich darum gebeten hat.“

Der Satz traf mich härter als die Kugeln. Daniel war seit elf Monaten tot.

„Was haben Sie gesagt?“

Elias lenkte die Pferde in eine schmale Felsspalte. Der Weg war kaum breit genug für die Räder. Hinter uns hallten die Rufe der Reiter.

„Daniel ist tot“, sagte ich.

„Das weiß ich.“

„Dann lügen Sie.“

Er griff unter den Sitz und zog ein Gewehr hervor. Das Holz war am Kolben mit drei tiefen Kerben markiert. Er legte es über die Knie, während die Karre über Felsen sprang.

„Halten Sie die Pferde gerade“, sagte er und reichte mir die Zügel.

„Sie wollen schießen?“

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„Nur, wenn sie uns dazu zwingen.“

„Nicht töten“, sagte ich.

Elias sah mich an. In seinem Gesicht lag plötzlich etwas, das nicht Furcht war, sondern Trauer.

„Das hat Daniel auch gesagt.“

Hinter der nächsten Biegung tauchte der erste Reiter auf. Virgil Cain. Ich kannte seinen Namen aus den Warnungen der Händler im letzten Ort. Er hob den Revolver und ritt direkt auf uns zu.

Elias kniete sich auf dem schwankenden Wagen zurecht. Der Wind riss an meinem Kopftuch. Seine Hand legte sich um den Gewehrschaft, und ich sah, wie sein Finger sich langsam neben den Abzug bewegte…

TEIL 2

Elias’ Finger lag noch neben dem Abzug, als Virgil Cain den Revolver hob.

„Geradeaus!“, rief Elias.

Ich zog die Zügel an. Die Pferde scheuten vor dem engen Felskanal, doch ich hielt sie auf dem Weg. Eine Kugel schlug in die hintere Seitenwand der Karre. Das Holz splitterte, und ein heißer Schmerz fuhr durch meinen Oberarm.

Elias feuerte nicht auf Virgil. Er schoss auf den Felsen über dessen Kopf.

Der Knall war ohrenbetäubend. Geröll stürzte herab, und Virgil riss sein Pferd herum. Zwei Männer hinter ihm prallten beinahe zusammen.

„Sie hätten ihn treffen können!“, rief ich.

„Das wollte ich.“

„Sie sagten, Sie würden nicht töten.“

„Ein Stein kann auch eine Warnung sein.“

Die Pferde zogen die Karre tiefer in die Schlucht. Über uns klebte der Himmel wie ein schmaler blauer Streifen zwischen den Felsen. Meine Hand blutete, mein Bauch schmerzte, und jeder Stoß ließ das Kind in mir unruhig werden.

Elias bemerkte es.

„Wie weit sind Sie?“

„Zu weit, um noch umzukehren.“

„Das war nicht meine Frage.“

„Neun Monate. Vielleicht etwas mehr.“

Sein Kiefer spannte sich an.

„Sie hätten nicht allein über den Berg kommen dürfen.“

„Ich hatte keine Wahl.“

„Jeder Mensch hat eine Wahl.“

„Dann wählen Sie einmal, wie es ist, wenn einem nach dem Tod des Mannes der Händler den Pflug, der Nachbar die Kuh und der Bankier das Dach wegnehmen will.“

Er sagte nichts. Das Schweigen zwischen uns war schwerer als die Ladung hinter der Sitzbank.

Am Nachmittag erreichten wir eine verlassene Holzfällerhütte. Elias brachte die Pferde in einen Verschlag und führte mich hinein. Auf dem Tisch stand eine Blechschüssel mit Regenwasser. Daneben lag ein kleiner, abgewetzter Messingkompass.

„Setzen Sie sich.“

„Ich möchte meine Kiste.“

„Sie ist hier.“

Er nahm sie aus dem hinteren Teil der Karre und stellte sie vor mich. Der Deckel war unbeschädigt. Ich schloss die Finger um den Schlüssel an meinem Hals, doch bevor ich ihn ins Schloss steckte, fragte ich:

„Woher kannten Sie Daniel?“

Elias zog den Hut ab. Sein dunkles Haar war an den Schläfen grau.

„Er hat vor drei Jahren für mich eine Brücke vermessen.“

„Daniel war Landvermesser.“

„Und er hat etwas entdeckt, das er besser nicht entdeckt hätte.“

Draußen knackte ein Zweig.

Elias griff nach dem Gewehr. Ich hielt den Atem an. Doch nur ein magerer alter Mann erschien in der Tür, mit einer Axt über der Schulter und einem Verband um die Hand.

„Mara Bell“, sagte Elias.

Die Frau starrte mich an. Ihre Augen wurden groß.

„Sie ist es also“, flüsterte sie.

„Wer?“, fragte ich.

Mara schob den Riegel vor die Tür.

„Die Frau, wegen der Daniel Mercer sterben musste.“

Ich spürte, wie mir das Blut aus dem Gesicht wich.

„Mein Mann starb an einer Lungenentzündung.“

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„Das hat Doktor Pritchard gesagt.“

„Und Sie glauben ihm nicht?“

Mara legte ihre Axt auf den Tisch. Der Griff war an mehreren Stellen glatt gerieben.

„Ich habe gesehen, wie er Daniels Medizinflasche ausgetauscht hat.“

Elias schloss die Augen.

„Warum haben Sie geschwiegen?“, fragte ich.

Mara sah auf ihre verletzte Hand.

„Weil Virgil Cain meinen Sohn hatte.“

Die Worte fielen zwischen uns wie Steine.

„Ihr Sohn lebt?“, fragte ich.

„Lebte.“

Zum ersten Mal sah Elias nicht aus wie ein Mann, der die Gefahr kontrollierte. Er sah aus wie jemand, der zu spät gekommen war.

Mara zog ein gefaltetes Blatt aus ihrem Kleid. Das Papier war an den Rändern dunkel vom Schweiß.

„Daniel gab mir das am Tag vor seinem Tod. Er sagte, wenn Abigail Eagle Ridge erreicht, müsse sie es selbst lesen.“

Ich streckte die Hand aus.

In diesem Moment ertönte draußen ein Pfiff. Nicht der Ruf eines Vogels. Ein Signal.

Elias fuhr herum.

„Sie haben uns gefunden.“

Mara drückte mir das Blatt in die Finger.

„Lesen Sie es nicht hier. Wenn sie die Tür aufbrechen, verbrennen Sie es.“

„Was steht darauf?“

Sie sah mich an, und ihre Stimme wurde kaum hörbar.

„Der Name des Mannes, der Ihren Mann verkauft hat.“

Ein Gewehrlauf schob sich durch das Fenster. Elias stieß den Tisch um, und die Lampe fiel zu Boden. Flammen leckten am Stroh auf.

„Durch den Hinterausgang!“, brüllte er.

Doch Mara blieb stehen. Sie zeigte auf das Blatt in meiner Hand und sagte: „Sehen Sie auf die Unterschrift, Abigail. Sie werden sie kennen…“

TEIL 3

„Sehen Sie auf die Unterschrift, Abigail. Sie werden sie kennen…“

Mara riss die Hintertür auf, während Elias mich durch den Rauch hinauszog. Die Hütte brannte hinter uns, aber der Wind trieb die Flammen zur Schlucht hinauf. Wir krochen unter dichtem Wacholder hindurch und erreichten kurz vor Einbruch der Dunkelheit eine Felsnische.

Dort faltete ich das Blatt auseinander.

Die Schrift war Daniels. Unordentlich, hastig, an manchen Stellen vom Wasser verlaufen.

Er schrieb, dass unter Eagle Ridge eine Quelle lag, die selbst in der trockensten Jahreszeit genug Wasser für eine ganze Eisenbahnstrecke führte. Virgil Cain hatte die umliegenden Landstücke mit gefälschten Ansprüchen aufgekauft. Daniels Vermessung bewies, dass die Quelle auf unserem Grundstück lag. Wer die Landurkunde besaß, kontrollierte das Wasser und damit die geplante Bahnlinie.

Am Ende stand ein Satz, den ich dreimal lesen musste.

Ich vertraue Elias Voss. Er ist mein Bruder, auch wenn Abigail davon nichts weiß. Wenn mir etwas geschieht, wird er sie beschützen.

Ich sah zu Elias.

„Du bist Daniels Bruder?“

Er saß auf einem Stein und presste ein Tuch gegen seine Schulter. Blut sickerte durch den Stoff.

„Sein Halbbruder.“

„Warum hat er mir nie von dir erzählt?“

„Weil er sich für unseren Vater schämte. Und weil ich früher für Virgil gearbeitet habe.“

Mara zog scharf die Luft ein.

„Elias—“

„Sie soll die Wahrheit hören.“ Er nahm das Tuch von der Wunde. „Ich habe die Männer für Cain über die Pässe geführt. Ich wusste, welche Wagen allein unterwegs waren. Ich dachte, wir würden nur Besitz stehlen. Dann fand ich eine Familie in einem ausgebrannten Wagen. Von da an wollte ich raus.“

Meine Finger zerknüllten Daniels Blatt.

„Du hast ihn zu mir geschickt?“

„Nein. Daniel fand mich. Er wusste, dass ich Cain kannte. Er bat mich, seine Vermessung zu verstecken.“

„Und du hast versagt.“

„Ja.“

Das Wort war schlicht. Deshalb glaubte ich ihm.

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Mara trat aus dem Schatten. Ihre Stimme zitterte, als sie sagte: „Doktor Pritchard brachte die Flasche in Daniels Haus. Ich sah Cain vor der Tür warten. Daniel bekam das Gift, bevor er überhaupt zu husten begann.“

„Warum bist du jetzt gekommen?“, fragte ich.

„Weil mein Sohn tot ist. Und weil ich nicht noch eine Familie sterben lassen will.“

Ein Ruf hallte aus der Schlucht.

Virgil war näher gekommen.

Elias stand auf und lud sein Gewehr. „Wir müssen Eagle Ridge vor Sonnenaufgang erreichen. Dort steht die alte Vermessungssäule. Wenn Abigail die Urkunde an ihrem Platz vorlegt, kann Cain den Anspruch nicht mehr ändern.“

„Und wenn er uns dort erwartet?“

„Dann erwartet er uns.“

Wir stiegen weiter. Gegen Mitternacht erreichten wir das Plateau. Unter uns lagen die dunklen Täler, über uns ein Himmel voller harter Sterne. Auf dem Boden stand eine steinerne Säule mit Daniels eingeritzten Initialen.

Ich zog die Landurkunde aus der Kiste. Elias kniete neben der Säule und fand unter einer losen Steinplatte eine Metallhülse.

Darin lag ein zweites Blatt.

Es war kein Vermessungsplan. Es war ein Vertrag zwischen Cain und der Eisenbahngesellschaft, unterschrieben von einem Direktor aus Denver. Cain sollte das Land übernehmen, sobald Daniel tot war. Als Gegenleistung versprach man ihm eine Beteiligung an der neuen Strecke.

„Er wollte nicht nur unser Land“, flüsterte ich. „Er wollte die Quelle.“

„Und er dachte, nach Daniels Tod hätte er alles.“

Hufschläge erklangen hinter der Felskante.

Virgil Cain trat ins Mondlicht. Sechs Männer standen hinter ihm. In seiner Hand glitzerte ein Revolver.

„Elias“, sagte er. „Du warst immer zu sentimental für dieses Geschäft.“

„Du hast Daniel vergiftet.“

Virgil lächelte.

„Dein Bruder war krank. Du willst behaupten, ich hätte den Tod eines sterbenden Mannes beschleunigt?“

Mara trat neben mich.

„Ich habe gesehen, wie Pritchard die Flasche austauschte.“

Virgils Lächeln verschwand. Er hob die Waffe auf Mara.

„Dann hätten Sie besser weiter schweigen sollen.“

Er drückte ab.

Der Revolver klickte nur.

Elias hatte ihm unbemerkt die Patronen genommen, als sie an der Hütte gekämpft hatten. Virgil starrte auf die leere Trommel. In dieser Sekunde stürzte einer seiner Männer auf ihn los, riss ihm die Waffe aus der Hand und rief:

„Du hast gesagt, keiner würde sterben!“

Ein zweiter Mann wich zurück.

Unterhalb des Plateaus ertönte ein langer Hornstoß. Nicht von Cains Leuten. Von der Eisenbahnvermessungsgesellschaft.

Jemand hatte sie gewarnt.

Virgil sah auf den Vertrag in meiner Hand, dann auf die Männer, die nicht länger hinter ihm standen.

„Wer hat sie gerufen?“, fragte er.

Elias blickte zu mir.

In meiner Manteltasche spürte ich plötzlich etwas Hartes, das vorher nicht dort gewesen war: den Messingkompass vom Tisch in der Hütte. Auf seiner Rückseite war eine winzige Klappe.

Ich öffnete sie.

Darin lag ein schmaler Streifen Papier mit nur einer Zeile: Der ursprüngliche Eigentümer der Quelle lebt noch.

Unterhalb des Berges rief jemand meinen Namen.

Nicht Elias. Nicht Mara.

Eine Männerstimme, die ich seit elf Monaten im Traum hörte…

DER FINALE TEIL

Als ich die Stimme hörte, die ich begraben hatte…

Ich dachte, der Berg hätte mir bereits alles genommen. Dann tauchte ein Mann auf, der nicht mehr leben durfte.
Was danach geschah, stellte jede Erinnerung an Daniel infrage.

Daniel sah auf den Jungen in seinen Armen.
„Ich habe Angst.“
Seine zitternden Hände hielten endlich fest.

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