TEIL 4
„Unser Sohn?“, wiederholte ich.
Andres Handy lag noch in seiner Hand. Das Display leuchtete zwischen uns wie ein kleines, kaltes Auge.
„Was ist mit Emil?“, fragte ich.
Emil war sieben Jahre alt und schlief an diesem Abend bei meiner Schwester Clara. Ich hatte selbst angerufen, bevor ich zur Feier gefahren war. Er hatte mir von einem Papierflugzeug erzählt, das er im Wohnzimmer gebaut hatte.
Andre ging einen Schritt auf mich zu.
„Clara hat angerufen. Emil hatte einen Unfall.“
Mara hob sofort ihr eigenes Telefon.
„Ich rufe sie an.“
„Nein“, sagte Andre zu schnell. „Sie ist unterwegs.“
Das war falsch. Clara hätte niemals Andre zuerst angerufen. Sie hätte mich angerufen. Immer.
Ich wählte ihre Nummer.
Sie nahm nach dem ersten Klingeln ab.
„Dany? Ist etwas passiert?“
Im Saal wurde es so still, dass ich das Knacken der Lautsprecher hörte.
„Ist Emil bei dir?“
„Natürlich. Er sitzt neben mir und isst Pfannkuchen. Warum?“
Ich schloss die Augen.
Hinter mir stieß jemand gegen einen Tisch. Ein Glas rollte über das Leinen und fiel zu Boden.
„Andre hat gesagt, Emil hatte einen Unfall.“
Clara schwieg zwei Sekunden.
Dann sagte sie: „Er war vor einer Stunde hier. Er wollte Emil mitnehmen. Ich habe es nicht erlaubt.“
Ich drehte mich zu meinem Mann.
Sein Gesicht war nicht mehr wütend. Es war leer.
„Du bist zu Clara gefahren?“, fragte ich.
„Ich musste mit dir reden.“
„Du hast unseren Sohn benutzt, um mich aus dem Saal zu bekommen.“
„Ich wollte nur, dass du mitkommst.“
„Warum?“
Er blickte zur schwarzen Mappe.
„Weil du unterschreiben musst.“
Da war es. Der letzte Rest Verkleidung fiel ab.
Nicht Liebe. Nicht Sorge. Nicht einmal Eifersucht.
Er brauchte meine Unterschrift, solange ich noch emotional genug war, sie ihm zu geben.
Mara nahm mir die Mappe ab und blätterte die Seiten durch.
„Hier ist die eigentliche Absichtserklärung“, sagte sie. „Dany überträgt ihre Geschäftsanteile an eine Treuhandgesellschaft. Der alleinige Begünstigte ist Andre.“
Lorraine erhob sich mühsam.
„Du wolltest ihre Firma stehlen?“
„Ich wollte retten, was sie zerstört hat“, sagte Andre.
„Du hast die Rechnungen von Kunden benutzt, um diese Feier und die Hotelzimmer zu bezahlen“, sagte ich. „Was genau habe ich zerstört?“
„Du hast nie verstanden, wie groß das alles werden könnte.“
„Nein. Ich habe nur verhindert, dass es zusammenbricht.“
Brianna stand noch immer neben dem Tisch. Der Ring lag vor ihr auf dem weißen Tuch.
„Er hat mir gesagt, die Agentur gehöre zur Hälfte ihm“, sagte sie. „Er hat mir sogar einen Vertrag gezeigt.“
Mara sah sie an.
„Das war vermutlich die gefälschte Vollmacht.“
Brianna nahm den Ring wieder in die Hand, aber nicht, um ihn anzustecken. Sie legte ihn in ein leeres Champagnerglas.
„Ich dachte, ich wäre die Frau, für die er alles riskiert“, sagte sie. „Dabei war ich nur ein Grund, warum er Dany schneller loswerden wollte.“
Andre griff nach ihr.
„Brianna, hör mir zu.“
Sie wich zurück.
„Ich habe dir geglaubt, als du sagtest, du würdest ein neues Leben mit mir anfangen.“
„Das werde ich.“
„Mit welchem Geld?“
Er sah auf die Konten. Auf die Torte. Auf die Gäste, die ihre Mäntel anzogen.
Mara beantwortete die Frage.
„Mit keinem Firmenkonto mehr.“
In diesem Moment kamen zwei Mitarbeiter des Saals herein und schoben die noch gefüllten Servierwagen zurück in die Küche. Der Duft nach gebratenem Knoblauch verschwand langsam aus dem Raum.
Andre griff nach meinem Arm.
Ich zog ihn weg.
„Fass mich nicht an.“
„Du kannst mich nicht einfach fallen lassen.“
„Ich lasse dich nicht fallen. Ich nehme nur meine Hände weg.“
Sein Blick glitt zu Lorraine.
„Mama, sag ihr, dass sie das nicht tun kann.“
Lorraine antwortete nicht sofort. Sie nahm die Perlenkette ab, wickelte sie um ihre Hand und sah ihren Sohn an, als sähe sie ihn nach langer Zeit wieder.
„Du hast mir vor der Feier gesagt, Dany sei instabil“, sagte sie. „Du hast behauptet, sie wolle dir die Firma wegnehmen.“
„Weil sie es tut.“
„Nein“, sagte Lorraine. „Sie nimmt dir nur nicht länger ab, was du ihr antust.“
Andre setzte sich auf den Stuhl neben der Torte. Das goldene Schild stand über ihm, schief geworden, weil jemand dagegen gestoßen war.
Ich hätte dort stehen bleiben können. Ihn beschämen. Ihn zerbrechen sehen.
Stattdessen nahm ich die Rechnung für die Torte vom Tisch und gab sie dem Saalverwalter.
„Die Torte wird nicht weggeworfen“, sagte ich. „Verteilen Sie sie an die Gäste. Aber schreiben Sie Andres Stück auf seine private Rechnung.“
Mara sah mich überrascht an.
„Und was geschieht mit ihm?“
Ich blickte zu Andre.
„Morgen um neun treffen wir uns in der Agentur. Er bringt alle Schlüssel, Geräte und Unterlagen mit. Danach entscheidet die Gesellschafterversammlung über seine Stellung.“
„Du willst ihn noch in die Firma lassen?“
„Nein“, sagte ich. „Ich will, dass er selbst vor allen Mitarbeitern erklärt, warum er keinen Zugang mehr hat.“
Die wirkliche Strafe war nicht die geplatzte Feier.
Es war der Verlust der Geschichte, in der Andre der kluge Mann gewesen war und ich die überforderte Ehefrau.
Als ich hinausging, fand ich unter dem Tisch neben der Torte einen kleinen, zerknitterten Zettel. Emil hatte ihn mir offenbar heimlich in meine Handtasche gesteckt: ein Papierflugzeug mit krummen Flügeln und meinem Namen darauf.
Auf der Rückseite stand ein Satz, den ich nicht von ihm erwartet hatte.
„Mama, Clara sagt, die Frau aus dem grünen Kleid war heute auch bei uns.“
Ich blieb stehen.
Brianna war nie bei Clara gewesen. Aber jemand in ihrem grünen Kleid hatte dort nach Emil gefragt.
Und Andre war noch immer nicht von diesem Besuch erzählt…
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