TEIL 4
Draußen heulten bereits die Motoren der ersten Abrissmaschine auf.
Ich rannte los.
Der Regen schlug mir ins Gesicht, als ich über den Theaterplatz stolperte. Der Bauleiter sprang aus dem Weg. Hinter ihm hob sich die riesige Schaufel des Baggers gegen den schwarzen Himmel.
„Halten Sie die Maschine an!“, schrie ich.
Der Mann zuckte mit den Schultern.
„Ich habe einen Auftrag.“
„Dann lesen Sie diesen.“
Dr. Reuter reichte ihm die beglaubigte Kopie. Er überflog die erste Seite, dann die zweite. Sein Gesicht veränderte sich.
„Das ist eine Eigentumsstreitigkeit. Ich arbeite trotzdem.“
„Nicht, wenn Sie wissen, dass Ihre Auftraggeberin keine Berechtigung hat“, sagte Dr. Reuter. „Jeder weitere Schritt macht Sie persönlich haftbar.“
Der Bagger senkte die Schaufel. Sie blieb wenige Zentimeter über dem alten Bühnenportal hängen.
Ein Tropfen Wasser löste sich aus einem verrosteten Dachbalken und fiel auf die goldene Krone in meiner Hand.
Ich hatte sie Elias abgenommen, als wir aus dem Gebäude gelaufen waren.
Sabine kam langsam hinter uns her. Ihr roter Mantel war an den Schultern dunkel vor Regen. Sie hielt ein Mobiltelefon am Ohr, doch niemand schien mehr abzunehmen.
„Wo ist Lena?“, fragte ich.
„Du verstehst nicht, was du tust“, sagte sie.
„Wo ist sie?“
„Sie wird sich nicht an dich erinnern.“
„Das entscheidet sie selbst.“
Sabine blickte zum Theater hinauf. Die Fassade war rissig, aber über dem Eingang hing noch das alte Mosaik: eine kleine Krone über einem offenen Vorhang.
„Dieses Gebäude hat uns beide zerstört“, sagte sie.
„Nein. Du hast entschieden, wen es zerstören soll.“
Elias trat neben mich. In seiner Hand hielt er das Wachsbuch.
„Die Einrichtung ist am Fluss“, sagte er. „Ich fahre.“
„Ich komme mit.“
Dr. Reuter hielt Sabine am Arm fest, als diese uns folgen wollte.
„Sie bleiben hier.“
„Sie können mich nicht festhalten.“
„Nein“, sagte die Notarin. „Aber ich kann dem Bauleiter erklären, dass Ihre Vollmacht gefälscht war. Und ich kann dafür sorgen, dass Sie keinen weiteren Wagen zu Lena schicken.“
Sabine riss sich los.
„Sie hat mich gebraucht!“
Ich drehte mich zu ihr um.
„Vielleicht. Aber du hast daraus gemacht, dass sie dir gehören musste.“
Elias’ alter Kleinwagen roch nach nassen Wollmänteln und Pfefferminzbonbons. Er fuhr viel zu schnell durch die dunklen Straßen. Auf dem Beifahrersitz lag das Foto meiner Mutter. Ich hielt es mit beiden Händen fest.
„Warum hat Lena den Brand gelegt?“, fragte ich.
Elias’ Blick blieb auf der Straße.
„Sabine wollte dich in jener Nacht zu einem Ehepaar außerhalb der Stadt bringen. Sie hatte bereits Papiere vorbereitet. Deine Mutter fand dich im Keller, eingesperrt hinter der Requisitenwand.“
„Warum hat sie nicht einfach die Polizei gerufen?“
„Weil Sabine deinen Vater am selben Abend mit einer gestohlenen Kasse belastet hatte. Er war verschwunden, bevor jemand ihm zuhören konnte. Lena wusste, dass Sabine Einfluss hatte. Also legte sie das Feuer im alten Kostümlager. Der Rauch löste den Sprinkler aus und zwang Sabine, die hintere Treppe zu verlassen. Lena brachte dich durch den Bühnenschacht hinaus.“
„Und dann?“
„Dann stürzte ein Balken ein. Lena wurde verletzt. Ich brachte dich zu deinem Vater, aber er war bereits verschwunden. Sabine fand Lena später. Sie erklärte allen, deine Mutter sei tot.“
„Warum ging Lena nicht mit mir?“
Elias schluckte.
„Sie wollte zurück ins Gebäude, weil sie glaubte, dort noch etwas retten zu müssen. Ein Teil des Archivs war im Keller. Als sie wieder herauskam, war ihr Gedächtnis fort. Sabine nutzte das.“
Wir erreichten die Einrichtung um 19.47 Uhr. Eine Pflegerin wartete unter dem Vordach. In ihrer Hand zitterte ein Schlüsselbund.
„Frau Winter?“, fragte sie.
„Mara Winter.“
„Ihre Mutter ist im Wintergarten. Der Mann, der sie abgeholt hat, wollte sie durch den Seiteneingang hinausbringen. Frau Lena hat sich gewehrt und dabei immer wieder nach einer Krone gerufen.“
Ich lief durch den langen Flur. Es roch nach Desinfektionsmittel und gekochten Äpfeln. Im Wintergarten saß eine schmale Frau in einem grünen Wollpullover. Ihr Haar war fast vollständig weiß.
Neben ihr stand ein fremder Mann mit einem Lederkoffer.
„Sie gehört zu mir“, sagte er.
„Nein“, antwortete ich. „Sie gehört niemandem.“
Lena hob den Kopf.
Ihre Augen waren hell und müde. Sie sah mich an, als wäre ich ein Bild, dessen Namen sie vergessen hatte.
Der Mann griff nach ihrem Rollstuhl.
Elias stellte sich ihm in den Weg.
„Legen Sie den Griff los.“
„Ich habe eine Vollmacht.“
Dr. Reuter, die uns eingeholt hatte, nahm ihm das Papier aus der Hand. Sie las die erste Zeile und atmete scharf ein.
„Diese Unterschrift ist nicht von Lena.“
„Das können Sie nicht beweisen.“
„Doch“, sagte sie. „Ich habe ihre echte Unterschrift vor mir.“
Sie legte das Wachsbuch auf den Tisch.
Der Mann ließ den Rollstuhl los.
Lena griff plötzlich nach der kleinen Krone in meiner Hand. Ihre Finger schlossen sich darum.
„Prinzessin“, sagte sie.
Nur dieses eine Wort.
Ich kniete mich vor sie.
„Mama?“
Sie berührte meine Wange. Ihre Hand war kalt und leicht wie Papier.
„Du hattest immer Angst vor dem dritten Gong“, flüsterte sie.
Mir brach etwas in der Brust auf. Den dritten Gong hatte niemand außer ihr gekannt. Als Kind hatte ich mich hinter dem roten Vorhang versteckt, wenn er dreimal schlug. Meine Mutter hatte dann gesungen, bis ich wieder hervorkam.
„Ich habe dich gesucht“, sagte sie.
„Ich weiß.“
„Sabine sagte, du willst nicht mehr kommen.“
Hinter mir entwich Elias ein heiserer Laut.
„Das hat sie ihr erzählt“, sagte er.
Lena sah mich an. Für einen Augenblick war ihr Blick klar.
„Sie hat den Schlüssel genommen“, sagte sie. „Aber die Tür zum Keller konnte nur deine Hand öffnen.“
Ich legte die Krone in ihre Hand.
„Wir gehen zurück“, sagte ich.
Am nächsten Morgen stand ich mit Dr. Reuter, Elias und Lena vor dem Theater. Der Bagger war verschwunden. Der Bauleiter hatte den Auftrag beendet, nachdem die Eigentumsunterlagen geprüft worden waren.
Sabine wartete unter dem Mosaik. Ohne roten Mantel wirkte sie kleiner. Neben ihr lagen mehrere Kisten mit Akten, die sie aus dem Büro hatte tragen lassen.
„Ich habe nichts mehr“, sagte sie.
„Du hast die Wahrheit“, erwiderte ich. „Das ist mehr, als du mir gelassen hast.“
Sie sah zu Lena.
„Ich wollte nicht, dass sie in Armut endet.“
Lena reagierte nicht. Sie betrachtete nur den geschlossenen Bühnenvorhang.
„Du wolltest das Theater“, sagte ich. „Nicht sie.“
Sabine presste die Lippen zusammen.
„Wenn ich gegangen wäre, hätte niemand gefragt, wo ich bleibe.“
Dieser Satz traf mich unerwartet. Nicht, weil er ihre Schuld kleiner machte. Sondern weil ich plötzlich verstand, dass sie ihr ganzes Leben lang um einen Platz auf dieser Bühne gekämpft hatte und schließlich beschlossen hatte, alle anderen aus dem Bild zu schneiden.
„Du bekommst Hilfe“, sagte ich. „Aber du bekommst nicht wieder die Kontrolle über Lena oder dieses Haus.“
„Du willst mich anzeigen?“
„Ich will, dass die Stiftung zurückgesetzt wird. Dass du die gefälschten Unterlagen offenlegst. Und dass du jede Schuld übernimmst, die daraus entsteht.“
„Und wenn ich es nicht tue?“
Dr. Reuter hob das Wachsbuch.
„Dann reicht dieses Buch zusammen mit den Aussagen von Elias und der Einrichtung aus, um alles rückabzuwickeln.“
Sabine sah auf die letzte Seite. Dort stand ihre Unterschrift unter einem alten Verwaltungsvertrag. Darunter befand sich eine zweite, kleinere Unterschrift.
Lena Winter.
Sabine erstarrte.
„Das ist unmöglich.“
„Lena hat unterschrieben, bevor der Brand ausbrach“, sagte Dr. Reuter. „Sie hat festgelegt, dass Sabine nur dann weiter verwalten darf, wenn sie Mara schützt und das Theater als gemeinnützige Bühne erhält. Mit dem Versuch, es zu verkaufen, hat sie jedes Recht verloren.“
Sabine blickte zu mir.
„Du hast das alles die ganze Zeit besessen?“
„Nein“, sagte ich. „Ich habe es nur geerbt, ohne davon zu wissen.“
Sie lachte bitter.
„Und was machst du jetzt? Ein Museum aus unserem Unglück?“
Lena hob langsam die Hand. Ihre Finger zitterten.
„Dritter Gong“, sagte sie.
Ich verstand.
Wir gingen gemeinsam in den Zuschauerraum. Staub lag auf den roten Sitzen, und über der Bühne hing noch die zerrissene Schnur, an der früher die drei Gongs befestigt gewesen waren.
Elias fand den alten Mechanismus hinter dem Vorhang. Er zog einmal.
Gong.
Lena schloss die Augen.
Er zog ein zweites Mal.
Gong.
Beim dritten Schlag griff sie nach meiner Hand.
Gong.
„Jetzt kannst du herauskommen“, sagte ich.
„Wohin?“, fragte sie.
Ich zeigte auf die leere Bühne.
„Nach vorn.“
Sabine blieb im Zuschauerraum zurück. Sie unterschrieb noch am selben Tag die Erklärung, die den Verkauf stoppte. Nicht aus Reue, sagte sie. Aus Angst, alles zu verlieren. Vielleicht stimmte beides.
Das Theater wurde nicht abgerissen. Die Stiftung übernahm es, und ich wurde ihre Verwalterin. Elias reparierte die alten Kulissen. Dr. Reuter sorgte dafür, dass Lena offiziell wieder ihren eigenen Namen trug.
Lena erinnerte sich nicht jeden Tag an mich.
Aber jedes Mal, wenn der dritte Gong schlug, suchte sie meine Hand.
Am ersten Abend, an dem wir den Saal für Kinder öffneten, saß sie in der ersten Reihe. Auf ihrem Schoß lag die kleine Messingkrone. Eine Spitze fehlte noch immer.
Ich trat auf die Bühne und sah in die dunklen Reihen.
Dann sagte Lena aus dem Zuschauerraum:
„Hallo, schöne Prinzessin.“
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