TEIL 4
„Nicht von uns?“, wiederholte ich.
Pavel hielt das Telefon noch immer in der Hand. Auf dem Bildschirm blinkte eine unbekannte Nummer. Draußen ratterte ein Wagen über das Pflaster, doch im Zimmer schien jedes Geräusch an Milas Bett zu ersticken.
„Wer war das?“, fragte ich.
Nagyezda antwortete nicht.
Der Arzt, Dr. Arsenow, kam zurück und schloss die Tür hinter sich. Er hatte die grüne Mappe unter den Arm geklemmt. Auf seinem Gesicht lag keine medizinische Ruhe mehr.
„Frau Belowa, wir müssen die Sache sofort klären.“
„Was haben Sie gefunden?“, fragte ich.
„Einen zweiten Datensatz aus der Zeit Ihrer damaligen Behandlung. Die Nummer des Embryos, aus dem Mila entstanden ist, stimmt mit dem Eintrag überein. Aber die genetische Zuordnung wurde nachträglich geändert.“
Ich sah Nagyezda an.
„Was heißt das?“
Dr. Arsenow legte zwei Blätter auf den Tisch.
„Mila ist genetisch mit Ihnen beiden verwandt. Daran besteht kein Zweifel. Aber in der ursprünglichen Akte steht noch ein weiterer Name als möglicher genetischer Vater.“
Pavel setzte sich langsam.
„Welcher Name?“
Der Arzt drehte das obere Blatt um.
Dort stand nicht Pavel.
Dort stand der Name meines jüngeren Bruders: Viktor Belowa.
Mir wurde schwindlig.
„Das ist unmöglich.“
„Ihre Blutprobe von damals wurde unter Ihrer Patientenkennung gespeichert“, sagte der Arzt. „Der zweite Datensatz enthält jedoch eine Probe mit derselben Familiennummer und einer abweichenden Kennung. Jemand hat bei der Aufnahme die Unterlagen vertauscht.“
Nagyezda presste beide Hände an den Bauch.
„Viktor war damals in der Klinik“, sagte sie. „Er hat mich hingefahren, als Oleg keine Zeit hatte.“
Ich erinnerte mich daran. Viktor hatte an jenem Morgen meinen Wagen genommen. Er hatte gesagt, er müsse seiner Schwägerin helfen. Zwei Stunden später hatte ich ihn in einer Kneipe gefunden, lachend, mit einer blutigen Schramme am Kinn.
„Er hat eine Probe abgegeben?“, fragte ich.
„Das wissen wir noch nicht“, sagte der Arzt. „Aber die Klinik verlangt seit einer Stunde, dass Sie die zweite Akte nicht öffnen und das Gelände nicht verlassen. Jemand versucht, die Unterlagen zurückzuholen.“
Pavel sprang auf.
„Wer?“
Dr. Arsenow reichte mir einen Zettel. Darauf stand eine Kontonummer und eine Summe, die mir den Atem nahm.
„Diese Zahlung ging vor elf Monaten an eine private Vermittlerin“, sagte er. „Von einem Konto auf den Namen Viktor Belowa.“
Nagyezda wich zurück.
„Warum sollte Viktor für einen Embryo bezahlen?“
Die Antwort kam nicht vom Arzt.
Die Tür wurde aufgerissen.
Viktor stand im Flur. Er trug einen dunklen Mantel, dessen Ärmel nach Regen rochen. In seiner Hand hielt er einen kleinen braunen Umschlag.
„Weil dieser Embryo nie hätte eingesetzt werden dürfen“, sagte er.
Ich stellte mich vor Milas Bett.
„Geh.“
Viktor lächelte nicht. Er sah erschöpft aus.
„Du verstehst nicht, was passiert ist.“
„Dann erklär es.“
„Unsere Mutter hatte Schulden. Deine Behandlung wurde damals von einer Firma bezahlt, für die ich gearbeitet habe. Sie wollten die Embryonen kaufen.“
Nagyezda starrte ihn an.
„Kaufen?“
„Nicht offiziell. Sie wollten genetisches Material für eine Forschungsreihe. Als du und Oleg die Behandlung abbrachen, sollte alles vernichtet werden.“
Dr. Arsenow wurde bleich.
„Das stimmt nicht. Die Klinik hatte keine solche Vereinbarung.“
Viktor legte den Umschlag auf den Tisch.
„Ich habe die Vereinbarung unterschrieben. Unter Olegs Namen.“
Meine Knie wurden weich.
„Du hast meine Unterschrift gefälscht?“
„Ich wollte nur Zeit gewinnen. Dann kam die Scheidung, und Nagyezda ließ den Embryo einsetzen. Ich habe versucht, die Akte verschwinden zu lassen, damit niemand herausfindet, dass ich ihn verkauft hatte.“
„Du hast dafür bezahlt, dass meine Tochter verschwindet?“
„Ich wusste nicht, dass sie krank ist.“
„Du wusstest überhaupt nichts über sie.“
Viktor sah zur Babyschale. Seine Stimme brach.
„Ich wusste, dass sie existiert. Das war schon mehr, als ich verdient hatte.“
Pavel griff nach dem Umschlag.
„Was ist darin?“
Viktor hielt ihn fest.
„Die Originalvereinbarung. Und der Nachweis, dass die Firma noch immer Anspruch auf die Daten erhebt.“
Ich nahm ihm den Umschlag ab. Das Papier darin war feucht geworden. Die Tinte auf der gefälschten Unterschrift verlief an einer Ecke.
„Warum kommst du jetzt?“
„Weil sie morgen an die Klinik kommen. Wenn die Vereinbarung auftaucht, wird die Operation verschoben, bis die Besitzfrage geklärt ist.“
„Besitzfrage?“
Nagyezda trat auf ihn zu.
„Sie ist ein Kind, Viktor. Kein Gegenstand.“
„Ich weiß.“
„Nein“, sagte sie. „Du weißt nur, was du verlieren kannst.“
Viktor senkte den Blick.
Zum ersten Mal sah ich, wie klein mein Bruder wirkte. Nicht reumütig genug. Aber nicht mehr mächtig.
Dr. Arsenow nahm den Umschlag und las die erste Seite. Dann rief er die Klinikleitung an. Er sprach schnell, sachlich und ohne Pause. Nach wenigen Minuten legte er auf.
„Die Operation bleibt angesetzt“, sagte er. „Und die Vereinbarung ist rechtlich wertlos, weil sie auf einer gefälschten Erklärung beruht. Aber die Firma wird versuchen, Druck auszuüben.“
Viktor lachte bitter.
„Sie werden nicht nur Druck ausüben. Sie werden alles nehmen, was sie können.“
Ich wandte mich zu ihm.
„Dann gib ihnen nichts mehr.“
„Was soll ich tun?“
„Deine Konten offenlegen. Namen nennen. Alle Belege herausgeben.“
„Dann verliere ich meine Arbeit.“
„Ja.“
„Vielleicht auch meine Wohnung.“
„Ja.“
Viktor sah mich an.
„Und du hilfst mir trotzdem nicht?“
Ich blickte auf Mila. Ihr Brustkorb hob und senkte sich mühsam.
„Ich helfe dir, die Wahrheit zu sagen. Den Rest entscheidest du selbst.“
Er nahm sein Telefon heraus und begann zu wählen.
„Wen rufst du an?“, fragte Nagyezda.
„Die Buchhalterin. Sie hat die Überweisung ausgeführt.“
„Sie wird aussagen?“
„Wenn ich sie bezahle, nicht. Wenn ich ihr sage, dass ich alles verliere, vielleicht.“
„Das ist keine Wiedergutmachung“, sagte Pavel.
„Ich weiß.“
Er ging hinaus, ohne sich zu verabschieden.
Am nächsten Morgen wurde Mila kurz nach sieben Uhr in den Operationssaal gebracht. Der Flur roch nach Alkohol und heißem Kunststoff. Nagyezda stand an der Wand, die rote Haarspange zwischen ihren Fingern.
„Du kannst gehen“, sagte sie.
„Nein.“
„Oleg, ich brauche keinen Ehemann aus Mitleid.“
„Ich biete dir keinen Ehemann an.“
„Was dann?“
Ich sah durch die Glasscheibe, hinter der die Krankenschwester Mila schob.
„Einen Vater, der nicht mehr fragt, ob er gebraucht wird.“
Ihre Augen füllten sich mit Tränen.
„Du weißt nicht, ob du das kannst.“
„Nein.“
„Und wenn sie dich später nicht erkennen will?“
„Dann erzähle ich ihr, dass du sie allein getragen hast, obwohl du es nicht musstest. Und dass Pavel geblieben ist, obwohl er nichts schuldete. Und dass Viktor die Wahrheit gesagt hat, als sie ihm alles kosten konnte.“
Nagyezda sah mich lange an.
„Du machst dich selbst nicht zum Helden.“
„Ich bin keiner.“
„Gut.“
Sie steckte die rote Haarspange wieder in ihr Haar.
„Dann fang nicht mit großen Versprechen an. Fang mit morgen früh an.“
Die Operation dauerte drei Stunden und neun Minuten.
Viktor kam nicht zurück in die Klinik. Aber um 10.16 Uhr schickte er Dr. Arsenow eine verschlüsselte Nachricht mit allen Namen, Konten und Überweisungen. Um 11.03 Uhr meldete sich die Buchhalterin. Um 12.40 Uhr bestätigte die Klinikleitung schriftlich, dass Mila nicht herausgegeben und die Operation nicht verschoben werden würde.
Am Nachmittag öffnete Mila die Augen.
Nagyezda saß an ihrem Bett. Pavel stand am Fußende und hielt eine Tasse Kaffee, die längst kalt war.
Ich blieb an der Tür stehen.
Mila bewegte die Finger. Nur ganz leicht.
Nagyezda bemerkte mich und nickte.
„Komm her.“
Ich trat ans Bett. Die kleine Hand schloss sich um meinen Zeigefinger, so schwach, dass ich kaum Druck spürte.
„Sie kennt dich nicht“, flüsterte Nagyezda.
„Dann lernen wir uns kennen.“
Pavel stellte die kalte Tasse ab.
„Und was wird aus euch?“
Ich sah Nagyezda an.
„Das weiß ich nicht.“
„Zum ersten Mal eine ehrliche Antwort“, sagte sie.
Sie lächelte nicht. Ich auch nicht.
Aber sie ließ meine Hand neben Milas Bett liegen.
Draußen begann jemand auf dem Flur eine alte Kinderuhr aufzuziehen. Ein leises mechanisches Klicken, immer wieder, bis Milas Finger meinen festhielt.
Nagyezda beugte sich über unsere Tochter und sagte: „Mila, das ist Oleg.“
Ich schluckte.
„Dein Vater.“
Und diesmal lachte niemand.
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