TEIL 4
…Emil legte den Messinganhänger in meine Hand. Auf seiner Rückseite war ein winziger Pfeil eingraviert, darunter die Zahl sieben.
— Ihr Vater hat mir gesagt, ich solle ihn Ihnen geben, wenn die Quelle in Gefahr ist, sagte Emil.
— Mein Vater kannte mich kaum noch, als er starb, erwiderte Olena. Warum sollte er seinen Plan ausgerechnet Andrej anvertrauen?
Ich drehte den Anhänger zwischen den Fingern. Das Metall war warm von Emils Hand, obwohl die Küche kalt geworden war.
— Vielleicht kannte er mich besser, als ich dachte.
Viktor stieß den Stuhl zurück.
— Genug von alten Geschichten. Ich habe einen gültigen Vertrag.
— Nein, sagte ich. Sie haben ein gefälschtes Papier und einen Lastwagen an einer gesperrten Quelle.
— Sie glauben, ein paar vergilbte Seiten könnten eine Gesellschaft aufhalten?
— Nicht die Seiten. Die Menschen, die sie gelesen haben.
Emil setzte sich schwer auf die Bank.
— Ich habe damals geschwiegen, weil Viktor mir gedroht hat. Mein Sohn arbeitete in seiner Firma. Er hätte ihn entlassen und dafür gesorgt, dass er keine Arbeit mehr bekommt.
Roman fuhr ihn an.
— Du hast unterschrieben!
— Ja, sagte Emil. Und dafür habe ich mich jeden Morgen geschämt.
Olena trat aus dem Schatten des Herds.
— Sie hätten nur einmal kommen müssen.
Emil sah zu Boden.
— Ich weiß.
— Dann kommen Sie jetzt mit, sagte sie. Wir müssen zur Quelle.
Wir verließen das Haus kurz nach elf Uhr. Der Regen hatte nachgelassen, aber der Boden war ein brauner Brei. Maxim trug die Laterne, obwohl sie fast so groß war wie sein Unterarm. Vera hielt sich an Olenas Mantel fest.
Roman blieb zunächst zurück. Viktor folgte uns mit schnellen Schritten.
— Wenn Sie die Leitung öffnen, zerstören Sie Eigentum, rief er.
— Wenn sie dem Dorf gehört, kann niemand sie heimlich verschließen, antwortete ich.
Hinter Olenas Garten begann der Wald. Zwischen nassen Haselsträuchern führte ein kaum sichtbarer Pfad zu einer steinernen Wand. Dort stand ein alter Messstein, auf dem die Initialen ihres Vaters eingemeißelt waren.
Der Pfeil auf dem Anhänger zeigte nach unten.
Ich kniete mich hin und tastete zwischen den Wurzeln. Unter einer flachen Platte fand ich ein rostiges Eisenrad. Es klemmte.
— Maxim, geh zurück, sagte Olena.
— Ich kann helfen.
— Bleib bei Vera.
Ich setzte den Fuß gegen den Stein und drehte das Rad. Tief unter uns stöhnte ein Rohr. Schlamm spritzte auf meine Hände. Dann schoss Wasser aus einem seitlichen Kanal und floss in den alten Dorfbach.
Aus der Ferne hörten wir Rufe.
Im unteren Tal begannen die Menschen zu jubeln.
Viktor blieb neben dem Messstein stehen.
— Sie verstehen nicht, was diese Quelle wert ist.
— Doch, sagte Olena. Deshalb haben Sie sie ja haben wollen.
Er wandte sich an Roman.
— Sag ihnen, dass du die Vereinbarung vorbereitet hast.
Roman warf ihm einen Blick zu, der beinahe Hass war.
— Du hast mir gesagt, mein Bruder habe das Geld bekommen.
— Dein Bruder war bankrott.
Olena erstarrte.
— Was hat mein Vater mit deinem Bruder zu tun?
Roman strich sich über das Gesicht. Regenwasser lief aus seinem Haar in den Kragen.
— Dein Vater hatte meinem Bruder geholfen. Er übernahm seine Schulden und wollte die Quelle als Sicherheit eintragen. Später widerrief er alles, weil er merkte, dass Viktor die Abfüllanlage bauen und das Dorf vom Wasser abschneiden wollte.
— Und du?, fragte ich.
Roman sah auf den geöffneten Kanal.
— Ich wollte das Geld. Nur das. Viktor versprach mir genug, um die Schulden meiner Familie zu begleichen.
— Deshalb hast du ein totes Datum benutzt?, fragte Olena.
— Ich dachte, niemand würde es prüfen.
— Und mein Haus?
Roman blickte zu ihrem kleinen Gebäude hinüber, dessen Dach im grauen Licht glänzte.
— Ich wusste nicht, dass du mit den Kindern dort wohnst.
Olena lachte bitter.
— Du hast dreimal vor meiner Tür gestanden.
Er schloss die Augen.
In diesem Augenblick kam mein Betriebsleiter mit zwei Mitarbeitern den Hang herauf. Er trug eine wasserdichte Mappe unter dem Arm.
— Die Originalseiten sind gesichert, sagte er. Und wir haben den Lastwagen angehalten. Im Tank befanden sich Werkzeuge und Sprengmittel.
Viktor machte einen Schritt zurück.
— Das ist absurd.
— Im Tank lag außerdem der fehlende Teil des Grundbuchregisters, sagte der Betriebsleiter.
Viktor griff nach der Mappe, doch ich stellte mich ihm in den Weg.
— Sie haben genug getan.
Er starrte mich an.
— Sie ruinieren eine ganze Gesellschaft wegen eines Hauses.
— Nein. Wegen Ihrer Entscheidung, Menschen gegen Papier zu behandeln.
Zurück im Haus legte ich alle Unterlagen auf den Tisch. Olena stand neben dem Herd, die Hände um eine Tasse gelegt. Maxim hielt den Messinganhänger, als wäre er ein Schatz. Vera hatte sich auf die Bank gesetzt und strich über die trockene Stelle an ihrem roten Wollband.
Ich schob Olena die Schutzvereinbarung zu.
— Das Grundstück bleibt in Ihrem Namen. Die Quelle wird als gemeinschaftliches Wasserrecht eingetragen. Kein Unternehmen darf sie verkaufen oder sperren.
Olena sah mich lange an.
— Und warum tun Sie das?
— Weil Ihr Vater mir vor Jahren geholfen hat.
— Wann?
— Als ich dreiundzwanzig war. Mein erster Hof stand vor dem Aus. Er gab mir Saatgut und verlangte keine Unterschrift. Er sagte, wer einen Menschen aus dem Schlamm zieht, darf später nicht fragen, ob es sich gerechnet hat.
Olena senkte den Blick.
— Er hat nie davon erzählt.
— Vielleicht wollte er, dass ich es selbst begreife.
Roman stand noch immer an der Wand. Seine Hände waren leer.
— Ich kann das Geld zurückzahlen, sagte er.
— Wem?
— Den Dorfbewohnern. Für die Schäden an der Quelle.
Viktor fuhr ihn an.
— Du schuldest mir das Geld!
Roman drehte sich zu ihm.
— Nein. Ich schulde es denen, die ich bedroht habe.
Das war keine Vergebung. Aber es war der erste Satz, der nicht nach einer Ausrede klang.
Ich gab ihm keine Antwort. Olena schon.
— Sie werden die beschädigte Leitung reparieren. Mit Ihren eigenen Händen. Und Sie werden jedem erzählen, warum Sie dort arbeiten.
Roman nickte.
— Ja.
— Wenn Sie wieder lügen, geht die Vereinbarung an alle Dörfer.
— Ich weiß.
Viktor wurde noch am selben Nachmittag aus dem Gebiet geführt, nicht von einer langen Reihe offizieller Männer, sondern von seinen eigenen Geschäftspartnern. Sie hatten die Unterlagen gesehen und ihre Verträge auf den Tisch gelegt. Der Kauf der Quelle war damit beendet. Roman musste die gefälschten Papiere offenlegen, um nicht selbst für die Sprengmittel verantwortlich gemacht zu werden. Emil gab eine schriftliche Aussage ab und brachte die originale Registerdurchschrift ins Archiv.
Er weinte dabei nicht.
Er unterschrieb nur sehr langsam.
Olena blieb das Haus. Nicht, weil ich es für sie gekauft hätte, sondern weil die Wahrheit ihres Vaters endlich schwerer wog als Romans gefälschte Seite.
Am Abend saß ich wieder auf der Bank neben dem Herd. Diesmal lag vor mir ein Teller mit vier Stück Brot. Olena stellte kein fünftes Stück dazu.
— Sie essen mit uns, sagte sie.
— Ich habe genug Geld für ein ganzes Bäckerhaus.
— Das war nicht meine Frage.
Maxim schob mir die größte Scheibe hin.
— Die bekommen Sie. Sie haben die Quelle geöffnet.
— Wir haben sie geöffnet, sagte ich.
Vera nahm den Messinganhänger und legte ihn neben meinen Teller.
— Der gehört jetzt Ihnen.
— Nein. Der gehört eurer Familie.
— Dann teilen wir ihn, sagte sie.
Olena lächelte erschöpft. Nicht dankbar, nicht unterwürfig. Einfach müde und ehrlich.
Draußen hörte ich das Wasser wieder durch den Bach laufen. Es floss an dem Haus vorbei, an dem drei wohlhabende Familien ihre Fenster gelöscht hatten. Es floss auch unter der Brücke hindurch, wo Lada später langsam wieder auftreten konnte.
Am nächsten Morgen ritzte Maxim mit einem Nagel eine neue Zahl in den alten Messstein. Neben die sieben setzte er eine acht.
— Warum acht?, fragte ich.
— Weil jetzt auch Sie dazugehören.
Ich sah auf die feinen Spuren im Stein. Hinter uns stand Olena mit dem roten Wollband ihrer Tochter in der Hand, das am Vorabend gerissen war. Sie hatte es nicht weggeworfen. Sie wollte es flicken.
Im Bach drehte sich der Messinganhänger in der Strömung, und auf seiner Rückseite glänzte der kleine Pfeil dorthin, wo das Wasser niemals einem einzelnen Menschen gehören durfte.
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