Mein Vater stieß mich im Oktoberregen aus dem Haus, doch nach einem Anruf der Polizei verschwand jede Farbe aus seinem Gesicht

Als mein Vater die Tür hinter mir abschloss, wusste er noch nicht, dass ich wenige Stunden später bewusstlos an einer Landstraße liegen würde.

Der Regen fiel so dicht, dass die Straße vor unserem Haus wie eine schwarze, zitternde Fläche aussah. Ich stand unter dem schmalen Vordach, den Rucksack gegen die Brust gepresst, und starrte auf den Türgriff.

Drinnen hörte ich Katja weinen.

— Papa, ich habe doch nur gesagt, was ich gefunden habe!

— Hör auf zu lügen! — rief ich und schlug mit der Hand gegen die Tür. — Du weißt genau, dass die Tabletten nicht mir gehören!

Von der anderen Seite kam nur Vaters heiserer Atem.

Dann sagte er den Satz, der sich in meinen Kopf brannte.

— Verschwinde. Ich brauche keine kranke Tochter.

Ich war fünfzehn. Meine Finger waren kalt, aber nicht so kalt wie seine Stimme. Auf der Nase trug ich noch die dünne Metallbrille, die mir ständig vom Regen beschlug. Ich nahm sie ab, wischte sie an meinem Ärmel trocken und wartete trotzdem weiter.

Vielleicht würde er die Tür öffnen.

Vielleicht würde er fragen, wohin ich gehen wollte.

Vielleicht war ein Vater trotz allem noch ein Vater.

Der Schlüssel drehte sich ein zweites Mal im Schloss.

Ich ging.

Mein Handy lag auf dem Schreibtisch in meinem Zimmer. Geld hatte ich keines bei mir. Unter meiner Kapuze steckte nur ein zerknittertes Heft mit den Hausaufgaben und ein kleiner Messinganhänger, den meine Mutter mir vor ihrem Tod an den Reißverschluss genäht hatte. Darauf war eine winzige Eule eingraviert.

Der Regen drang durch meine Turnschuhe, dann durch die Jeans. Nach wenigen Minuten klebte der Stoff an meinen Beinen.

Ich lief an der Bäckerei vorbei, an der Bushaltestelle mit dem zerbrochenen Werbeplakat und weiter zur alten Umgehungsstraße. Hinter mir tauchten immer wieder Scheinwerfer auf. Jedes Mal drehte ich mich um.

Nie war es Vater.

Um 19.20 Uhr begann mein rechter Fuß zu schmerzen. Um 19.45 Uhr konnte ich meine Hände kaum noch bewegen. Ich steckte sie unter die Achseln und zwang mich, weiterzugehen.

— Nur bis zur Tankstelle, sagte ich leise.

Aber die Tankstelle lag noch weit entfernt.

An einer Bushaltestelle blieb ich stehen. Das Blechdach vibrierte unter den Regentropfen. Ich hätte mich hinsetzen können. Eine Minute nur. Doch irgendwo in mir wusste ich, dass ich dann vielleicht nicht mehr aufstehen würde.

Also ging ich weiter.

Fast sechs Kilometer von zu Hause entfernt knickte mein Knie weg. Der Rucksack rutschte von meiner Schulter, der Eulenanhänger schlug gegen den Reißverschluss, und ich fiel auf den nassen Kies.

Ich versuchte, mich hochzustemmen.

Meine Hände gehorchten mir nicht mehr.

Ein Lastwagen fuhr vorbei. Das Licht seiner Scheinwerfer zerfiel vor meinen Augen in lange gelbe Streifen. Ich wollte schreien, doch aus meiner Kehle kam nur ein dünnes Geräusch.

Ich zog den Rucksack an mich, als könnte er mich vor der Kälte schützen.

Dann wurde der Regen still.

Zu Hause wusste mein Vater noch immer nicht, wo ich war.

Drei Stunden nachdem er mich hinausgestoßen hatte, klingelte bei ihm das Telefon. Er meldete sich gereizt, weil er glaubte, ich würde anrufen.

Doch ein fremder Mann stellte sich als Polizeibeamter vor.

— Spreche ich mit Herrn Berger?

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— Ja. Was soll das?

— Haben Sie eine fünfzehnjährige Tochter namens Lena?

Vater schwieg.

Katja kam aus dem Flur und sah sofort, wie seine Hand am Telefon zu zittern begann.

— Wann haben Sie sie zuletzt gesehen? — fragte der Beamte. — Und trug sie einen Mantel?

— Es war ein Streit. Sie ist selbst gegangen.

— Ohne Mantel?

Vater antwortete nicht.

Der Beamte sprach weiter, diesmal langsamer.

— Wussten Sie, dass sie kein Telefon und kein Geld bei sich hatte?

Katja blieb wie angewurzelt stehen.

Vater presste den Hörer ans Ohr.

— Was ist mit meiner Tochter passiert?

Am anderen Ende entstand eine Pause. Dann nannte der Beamte einen Ort, und Vaters Gesicht wurde grau. Er griff nach der Wand, während Katja einen Schritt zurückwich.

— Herr Berger, wir müssen Sie etwas fragen. Es geht um die Tabletten, von denen Ihre Tochter gesprochen hat. Ein Zeuge wartet bereits auf Sie und behauptet, dass…

TEIL 2

— …dass die Tabletten nicht Lena gehörten, sondern aus Ihrer Wohnung stammten, — beendete der Beamte den Satz.

Vater sah Katja an.

Draußen trommelte der Regen gegen die Fensterscheiben, und irgendwo im Haus tropfte Wasser aus der nassen Jacke, die ich vor Stunden im Flur hatte liegen lassen. Katja stand neben dem Garderobenschrank und rieb mit dem Daumen über einen abgerissenen Faden an ihrem Pullover.

— Wo ist sie? — fragte Vater.

— Ich weiß es nicht.

— Du hast gesagt, sie hätte die Tabletten in ihrem Zimmer versteckt.

— Ich dachte, dass sie…

— Du hast es nicht gedacht. Du hast es behauptet.

Der Beamte blieb am Telefon ruhig.

— Herr Berger, Ihre Tochter wurde ungefähr sechs Kilometer von Ihrem Haus entfernt gefunden. Sie war nicht ansprechbar und völlig durchnässt. Eine Autofahrerin hat angehalten, danach kam ein Rettungswagen.

Vater schloss die Augen.

— Ist sie am Leben?

— Ja. Aber ihr Zustand ist ernst. Sie wird gerade in die Kinderklinik gebracht.

Katja setzte sich auf die unterste Treppenstufe. Ihr Knie stieß gegen die Metallkante, doch sie schien den Schmerz nicht zu bemerken.

— Ich habe nicht gewollt, dass sie hinausgeht, — flüsterte sie.

Vater drehte sich zu ihr.

— Du hast mir gesagt, sie würde Tabletten nehmen.

— Ich habe gesagt, dass ich Tabletten in ihrem Rucksack gesehen habe.

— Nein. Du hast gesagt, sie sei krank.

Katja hob den Kopf. Ihr Gesicht war blass, aber ihre Augen blieben trocken.

— Ich habe nie gesagt, dass sie sterben soll.

Der Satz traf Vater härter als jede Anklage. Er ließ das Telefon sinken.

— Woher hattest du die Tabletten?

Katja schwieg.

Der Polizeibeamte meldete sich wieder.

— Herr Berger, kommen Sie bitte sofort in die Klinik. Außerdem möchte eine Zeugin mit Ihnen sprechen. Sie hat Ihre Tochter an der Umgehungsstraße gesehen.

— Wer?

— Eine Frau namens Frau Neumann. Sie fährt jeden Abend mit dem Bus Linie 8.

Ich kannte Frau Neumann. Sie war die Fahrerin mit den roten Haaren, die immer wartete, wenn jemand noch rannte. Vor drei Tagen hatte sie mir zugerufen, mein Rucksack sei offen. Ich hatte gelacht und mich bedankt.

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Jetzt saß ich in einem warmen Rettungswagen und wusste nichts davon.

In der Klinik legte eine Krankenschwester eine Wärmedecke über mich. Mein Körper zitterte so stark, dass die Metallklammer am Finger klapperte. Eine Ärztin erklärte Vater, meine Temperatur sei gefährlich niedrig gewesen.

— Sie hat Glück gehabt, — sagte sie. — Noch eine halbe Stunde länger, und wir würden über ganz andere Risiken sprechen.

Vater lehnte sich gegen die Wand.

— Darf ich zu ihr?

— Erst wenn sie stabil ist.

— Ich bin ihr Vater.

— Dann warten Sie, bis Ihr Vatersein ihr nicht mehr schadet.

Katja stand neben dem Getränkeautomaten. In ihrer Hand hielt sie den kleinen Plastikbeutel, den Vater aus ihrer Tasche gezogen hatte. Darin lag ein leerer Blister.

— Den habe ich nicht in Lenas Zimmer gefunden, — sagte er.

— Ich weiß.

— Wo dann?

Katja sah zur geschlossenen Tür der Behandlungsstation.

— In deinem Schreibtisch.

Vater wurde ganz still.

— Warum warst du an meinem Schreibtisch?

— Weil ich Geld brauchte.

— Wofür?

Katja presste den Plastikbeutel zusammen. Das dünne Material knisterte zwischen ihren Fingern.

— Für die Schulden von Jonas.

Vater kannte den Namen. Ein älterer Junge aus Katjas Klasse, der sie seit Wochen nach der Schule abpasste. Er hatte ihr geschrieben, sie müsse bezahlen, sonst würde er Bilder von ihr herumzeigen.

— Du hast meine Tabletten genommen, — sagte Vater.

— Nur zwei.

— Und Lena hat dich dabei gesehen?

Katja nickte.

— Sie wollte, dass ich es dir sage. Ich habe sie angefleht, still zu sein. Dann habe ich die übrigen Tabletten in ihren Rucksack gelegt.

Vater starrte sie an.

— Du hast sie hineingelegt?

— Ich wollte nur, dass du mir glaubst und nicht ihr.

Hinter der Station öffnete sich eine Tür. Eine Krankenschwester kam heraus und rief nach Herrn Berger.

Vater ging einen Schritt vor, doch der Beamte hielt ihn am Arm zurück.

— Noch nicht. Frau Neumann ist eingetroffen. Sie sagt, sie habe nicht nur Lena gesehen, sondern auch Katja an der Haltestelle. Und sie hat etwas in der Hand, das Sie sich ansehen müssen…

TEIL 3

— …den abgerissenen Anhänger, — sagte Frau Neumann.

Sie stand im hell erleuchteten Wartebereich der Klinik, den nassen Regenschirm zwischen den Knien. An ihrem Mantel glänzten kleine Tropfen, und in ihrer Hand lag die winzige Messingeule von meinem Rucksack.

Vater erkannte sie sofort.

— Der gehörte Lena.

— Ich habe ihn unter der Bank an der Haltestelle gefunden, — sagte Frau Neumann. — Aber das ist nicht alles. Ich habe gesehen, wie Katja dort etwas in den Rucksack Ihrer Tochter steckte.

Katja wich zurück.

— Sie haben sich geirrt.

— Nein. Ich saß im Bus und wartete auf die Abfahrt. Sie standen direkt unter der Laterne. Ihre Schwester hat Sie angesprochen, und Sie haben sie weggeschubst.

Vater drehte sich zu Katja.

— Du warst dort?

Katja presste beide Hände gegen den Mund.

Frau Neumann legte die Eule auf den Tisch.

— Lena ist danach allein in den Regen gegangen. Sie trug keinen Mantel. Ich wollte ihr hinterherfahren, aber ein Fahrgast bekam einen Anfall, und ich musste den Notruf wählen. Als ich zurückkam, war sie verschwunden.

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Vater griff nach der Eule, ohne sie zu berühren.

— Warum haben Sie das nicht sofort gesagt?

— Weil ich dachte, die Familie würde sie suchen. Dann sah ich den Rettungswagen.

Katja begann zu weinen.

— Ich wollte nicht, dass sie ins Krankenhaus kommt.

— Du hast sie in den Regen geschickt, — sagte Vater.

— Ich dachte, du würdest sie nur anschreien! Ich dachte, sie kommt nach einer Stunde zurück!

— Du wusstest, dass sie kein Telefon hatte.

Katja sah ihn an.

— Ja.

Dieses eine Wort machte den Raum kleiner.

Die Ärztin kam aus der Station und erklärte, dass ich noch nicht sprechen konnte, aber meine Temperatur langsam stieg. Vater durfte durch die Scheibe sehen. Ich lag unter mehreren Decken, das Gesicht fast weiß, die Brille neben mir auf einem Tablett. Der Messinganhänger fehlte am Rucksack.

Vater legte die Hand an die Scheibe.

— Lena, es tut mir leid.

Ich hörte ihn nicht. Oder vielleicht wollte ein Teil von mir ihn nicht hören.

Der Polizeibeamte nahm Katja zur Seite und stellte Fragen. Sie antwortete stockend. Sie erzählte von Jonas, von den Nachrichten und von der Angst, Vater könnte sie für immer wegschicken. Doch dann kam ein weiterer Satz, der auch ihre Geschichte veränderte.

— Jonas hat die Tabletten nicht verlangt, — sagte sie. — Er wollte Vaters roten Ordner.

Vater wurde aufmerksam.

— Welchen Ordner?

— Den mit den Briefen von der Bank. Er sagte, darin stehe etwas über unsere Wohnung.

Vater sah zur Ärztin, dann zu mir.

— Woher weiß Jonas davon?

Katja schluchzte.

— Weil er deinen Namen kennt. Er hat gesagt, du hättest seine Mutter vor Jahren aus deiner Firma entlassen. Sie habe seitdem Schulden.

Der Beamte zog sein Notizbuch hervor.

— Herr Berger, wir müssen auch über diesen Jungen sprechen. Aber zuerst müssen Sie entscheiden, ob Sie heute Nacht bei Ihrer Tochter bleiben.

Vater blickte durch die Scheibe auf mein regloses Gesicht.

— Natürlich bleibe ich.

In diesem Moment vibrierte sein Telefon. Auf dem Bildschirm erschien eine unbekannte Nummer. Er nahm ab.

Eine Männerstimme sagte: „Wenn Sie Lena sehen, fragen Sie sie nach dem roten Ordner. Sie ist die Einzige, die weiß, wo er liegt.“

Vater wurde bleich.

— Wer sind Sie?

Die Stimme lachte leise.

„Der Mann, der weiß, warum Ihre Tochter überhaupt beschuldigt wurde.“

Dann brach die Verbindung ab. Unter meinem Kopfkissen fand die Krankenschwester kurz darauf einen gefalteten Zettel, den niemand aus der Familie dort hingelegt hatte. Auf der Vorderseite stand nur mein Name. Auf der Rückseite stand eine Adresse, die mein Vater seit zwölf Jahren geheim gehalten hatte…

DAS FINALE

Auf der ersten Seite des roten Ordners stand mein Name…

Ich dachte, der Regen und die Lüge meiner Schwester wären das Schlimmste gewesen. Doch der Ordner zwang meinen Vater, eine viel ältere Wahrheit auszusprechen.

Im letzten Teil legte mein Vater den Ordner vor mich.
„Deine Mutter hat ihn dir hinterlassen.“
Und plötzlich ging es nicht mehr nur um Katjas Lüge.

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