TEIL 4
…Die Frau war zehn Minuten später da.
Sie hieß Miriam Seidel und war keine Fremde für Andrej. Er kannte sie aus seiner Firma. Sie hatte ihm vor drei Wochen Geld geliehen, weil er behauptet hatte, die Wohnung gehöre seiner Familie und müsse nur schnell verkauft werden.
Miriam blieb im Treppenhaus stehen. Ihr roter Regenschirm tropfte auf die Steinfliesen, obwohl draußen kein Regen fiel. Sie hielt einen Kaufvertrag in einer durchsichtigen Hülle.
— Herr Lindner, sagte sie, — Sie haben mir versichert, dass Ihre Mutter die Eigentümerin ist.
Andrej schluckte.
— Das war ein Missverständnis.
— Ein Missverständnis kostet mich nicht sechsunddreißigtausend Euro.
Raissa hob die Hand.
— Wir können das erklären.
— Dann erklären Sie mir, warum der Vertrag, den ich unterschrieben habe, eine andere Eigentümerin nennt als das Grundbuch.
Ich stand noch immer an der Wand. Mein Fuß pochte. Mischa lag in meinen Armen und spielte mit dem Reißverschluss meiner Jacke, als wäre der Flur nicht voller Menschen und zerbrochener Lügen.
Mein Vater nahm Miriam den Vertrag ab.
— Sie haben nicht gekauft, sagte er. — Sie haben eine Forderung gegen meinen Schwiegersohn.
Miriam sah Andrej an.
— Er hat gesagt, die Wohnung sei unbelastet.
— Sie war unbelastet, antwortete mein Vater. — Aber sie gehörte Olga. Und sie gehört ihr weiterhin.
Andrej stürmte auf ihn zu.
— Sie haben mir das alles verschwiegen!
— Ich habe meiner Tochter etwas gegeben. Dir habe ich nichts versprochen.
Andrej blieb so dicht vor ihm stehen, dass Mischa erschrocken den Kopf hob. Ich trat zwischen beide.
— Geh zurück.
Andrej sah mich an.
— Du stellst dich gegen mich?
— Ich stelle mich neben mich selbst.
Das Wort hing zwischen uns.
Nicht groß. Nicht schön.
Aber es war meins.
Raissa begann zu weinen. Erst leise, dann mit abgewandtem Gesicht. Ich hätte Mitleid empfinden können, wenn ich nicht so oft in genau diesem Flur geweint hätte, während sie behauptete, Tränen seien eine Waffe.
— Wir hatten Schulden, sagte sie. — Andrej drohte alles zu verlieren. Die Firma, das Haus, seinen Namen.
Klara lachte bitter.
— Deshalb solltest du Olgas Konto leeren?
Raissa sah ihre Tochter an.
— Ich wollte nur verhindern, dass er ins Gefängnis muss.
— Und dafür hast du Olga aus ihrem eigenen Leben gedrängt?
Raissa gab keine Antwort.
Andrej griff nach Miriams Vertrag und zerriss ihn mitten durch. Die Hälften flatterten zu Boden.
Miriam wurde ganz ruhig.
— Das war eine gute Entscheidung, sagte sie. — Jetzt habe ich einen eindeutigen Beweis, dass Sie den Vertrag vernichten wollten.
— Sie können mich nicht bedrohen!
— Ich bedrohe Sie nicht. Ich stelle morgen die Zahlungen ein und hole mir zurück, was ich bekommen kann.
Mein Vater nahm einen kleinen Schlüssel aus der Tasche. Es war kein Autoschlüssel. Daran hing ein flacher Messinganhänger, auf dem die Zahl 17 eingraviert war.
— Olga, sagte er, — in meinem Büro liegt seit deinem Einzug eine Kiste mit deinen Unterlagen. Deine Geburtsurkunde, deine Versicherungen, die Originale deiner Konten. Raissa hatte nur Kopien.
Ich sah ihn an.
— Warum hast du mir nie gesagt, dass du die Wohnung gekauft hast?
Er atmete tief durch.
— Weil du nach deiner Hochzeit unbedingt beweisen wolltest, dass du niemanden brauchst. Ich habe deine Würde respektiert. Aber ich habe nicht erkannt, dass du irgendwann gezwungen wirst, sie gegen ein Dach über dem Kopf einzutauschen.
Seine Stimme brach nicht. Doch ich sah, wie er den Messinganhänger fester hielt.
— Das war mein Fehler.
Zum ersten Mal an diesem Tag fühlte ich keinen Ärger auf ihn.
Nur Erschöpfung.
Und eine Traurigkeit, die älter war als dieser Flur.
— Du hättest mich fragen müssen, sagte ich.
— Ich weiß.
— Nicht entscheiden, was gut für mich ist.
— Ich weiß.
— Ich bin nicht zerbrechlich.
— Das weiß ich jetzt.
Andrej schüttelte den Kopf.
— Ihr macht daraus eine Tragödie. Ich wollte nur Zeit gewinnen.
Klara trat näher.
— Du hast Zeit gewonnen, indem du meiner Schwägerin jeden Ausweg genommen hast.
— Halt dich da raus!
— Nein. Ich gehe nicht mehr zurück in dieses Haus, wenn Mutter weiter behauptet, alles sei nur wegen dir passiert.
Raissa blickte zu ihrer Tochter.
— Du verlässt mich?
Klara strich über den hellen Faden an ihrem Mantelärmel.
— Ich verlasse nicht dich. Ich verlasse die Lüge.
Mein Vater setzte sich auf die Treppenstufe und öffnete seine Mappe. Er legte die Unterlagen nicht wie eine Waffe vor uns, sondern wie Teile eines Schadens, den man endlich vermessen musste.
— Andrej, sagte er, — du hast drei Möglichkeiten. Du übergibst Olga heute die Schlüssel, unterschreibst eine Erklärung über die Überweisungen und vereinbarst mit Miriam einen Rückzahlungsplan. Oder du bleibst bei deiner Geschichte. Dann werden die Banken, die Versicherung und die Eigentümerverwaltung deine Unterlagen prüfen.
Andrej starrte ihn an.
— Sie wollen mich ruinieren.
— Nein. Du hast dich auf eine Lüge gestellt. Ich nehme nur den Boden weg, auf dem sie steht.
— Und wenn ich nicht unterschreibe?
— Dann entscheidet niemand hier im Flur über die Folgen.
Mein Vater nannte keine Behörden. Er drohte nicht. Gerade das machte seine Worte schwer.
Raissa ging in die Wohnung und kam mit einem Schlüsselbund zurück. Der schwarze Anhänger mit dem goldenen R lag noch daran.
Sie legte ihn in meine Hand.
— Ich dachte, wenn du gehen kannst, geht Andrej auch, sagte sie. — Und wenn er geht, bleibt mir nichts.
Ich schloss die Finger um den Schlüssel.
— Du hättest mich nicht festhalten müssen, damit er bleibt.
Raissa sah auf meinen geschwollenen Fuß.
— Ich weiß.
Es war keine Entschuldigung. Noch nicht. Aber es war das erste Mal, dass sie die Sache nicht nach mir benannte.
Miriam setzte sich an den kleinen Flurtisch. Klara brachte Papier und einen Stift. Andrej unterschrieb die Erklärung nicht sofort. Er saß lange da, die Ellbogen auf den Knien, während Mischa in meinen Armen einschlief.
Dann nahm er den Stift.
— Ich kann nicht alles zurückzahlen.
— Dann schreib genau das, sagte ich. — Keine Versprechen, die wieder jemand anderes bezahlen muss.
Er schrieb langsam. Die Feder kratzte über das Papier. Jeder Buchstabe klang wie ein Stein, der aus einer Mauer fiel.
Er bestätigte die Überweisungen.
Er bestätigte, dass ich die Vollmacht nie unterschrieben hatte.
Er bestätigte, dass die Wohnung mir gehörte.
Und er unterschrieb den Plan, nach dem er Miriam jeden Monat einen festen Betrag zurückzahlen würde. Nicht aus Großzügigkeit. Weil er es musste.
Als alles vorbei war, stand Andrej auf.
— Kommst du mit mir?
Ich sah auf Mischa hinunter.
— Nein.
— Olga…
— Du gehst heute zu deinem Bruder. Klara bleibt nicht hier. Raissa auch nicht, wenn sie mich weiter als Gast behandelt.
Raissa hob den Kopf.
— Wohin soll ich gehen?
Ich zeigte auf die Wohnung.
— Nirgendwohin. Aber du bleibst nur, wenn du die Regeln akzeptierst. Keine Konten. Keine Schlüssel. Keine Entscheidungen über mich oder Mischa.
Sie nickte, als hätte sie gerade eine Sprache gelernt, die sie zu lange verweigert hatte.
Mein Vater stand auf und nahm die Einkaufstasche vom Boden. Die Milchflasche war noch immer darin, warm geworden und an der Seite eingedrückt.
— Morgen bringe ich dich zum Arzt, sagte er.
— Morgen fahre ich selbst.
Er lächelte kaum sichtbar.
— Gut.
Am nächsten Vormittag lag mein Fuß in einer Schiene. Der Arzt sagte, der Bänderriss hätte schlimmer enden können. Ich dachte an den Weg mit Mischa auf der Hüfte und daran, wie oft ich mir eingeredet hatte, Schmerzen seien der Preis dafür, irgendwo bleiben zu dürfen.
In der Wohnung stand noch immer das Kinderbett neben unserem alten Schrank. Andrejs Hemden hingen darin, ordentlich nach Farben sortiert. Ich nahm sie nicht heraus. Ich war nicht mehr bereit, jedes Problem sofort selbst zu lösen.
Klara blieb bei ihrer Mutter und sorgte dafür, dass alle Unterlagen an Miriam gingen. Sie stellte die Überweisungslisten nicht gegen Raissa zur Schau. Sie legte sie nur dort ab, wo niemand sie wieder verschwinden lassen konnte.
Raissa begann, die Miete und die Nebenkosten selbst zu überweisen. Jeden Monat schickte sie mir den Beleg. Keine langen Nachrichten. Keine Vorwürfe.
Andrej zog zu seinem Bruder. Er schrieb mir nicht, dass er sich verändert habe. Er schrieb nur, wann die erste Rate überwiesen worden war.
Das war wenig.
Aber diesmal war wenig wenigstens wahr.
Am Abend, als ich Mischa in sein Bett legte, fand ich in meiner Manteltasche den schwarzen Schlüsselanhänger mit dem goldenen R. Ich wollte ihn wegwerfen, doch dann hörte ich meinen Vater im Flur telefonieren.
— Nein, sagte er. — Der Wagen bleibt auf Olgas Namen. Keine Umschreibung ohne ihre eigene Unterschrift.
Ich ging zu ihm.
Er hielt mir die Autoschlüssel hin.
— Willst du fahren?
Ich nahm sie.
Mischa begann im Kinderzimmer zu brabbeln. Durch die offene Tür sah ich seine kleinen Füße zwischen den Gitterstäben hervorschauen.
Ich steckte den Schlüssel nicht in meine Tasche.
Ich legte ihn auf Mischaes Spielzeugkiste, genau neben den roten Holzlastwagen, den mein Vater ihm zum ersten Geburtstag geschenkt hatte.
Dann sagte ich zu meinem Vater:
— Morgen holen wir das Auto zurück. Aber zuerst fahren wir zum Kinderarzt.
Er nickte.
Und aus dem Kinderzimmer kam Mischaes schläfrige Stimme:
— Opa, los.
Missed the beginning?







