TEIL 4
Die Adresse führte zu einem kleinen Lagerhaus am Rand der Stadt, doch bevor Vater dorthin fahren konnte, bewegte ich mich auf dem Klinikbett.
Nicht viel.
Nur meine Finger schlossen sich um den Rand der Decke.
Die Krankenschwester bemerkte es und rief sofort die Ärztin. Vater stand noch immer vor der Scheibe, die Messingeule in seiner Faust. Katja saß auf einem Plastikstuhl und hielt den Kopf gesenkt.
— Lena? — fragte die Ärztin, als sie sich über mich beugte. — Kannst du mich hören?
Meine Lippen waren trocken.
— Kalt, — flüsterte ich.
Mehr brachte ich nicht heraus.
Vater trat an mein Bett, doch die Ärztin hob die Hand.
— Langsam. Keine Vorwürfe, keine Fragen.
Er blieb stehen.
— Ich bin hier.
Ich öffnete die Augen nur einen Spalt.
— Geh nicht weg.
Sein Gesicht zerfiel.
— Ich gehe nicht weg.
Diesmal hielt er sein Versprechen wenigstens für diese Nacht.
Die Ärztin erklärte ihm, dass ich unterkühlt gewesen war und mein Kreislauf noch überwacht werden müsse. Der Beamte ließ Katja mit einer Mitarbeiterin des Jugendamtes sprechen. Sie hatte Angst, dass man sie mitnehmen würde, doch niemand schrie sie an. Das machte es für sie schlimmer.
Denn niemand musste schreien, damit sie begriff, was sie getan hatte.
Am frühen Morgen konnte ich wieder klarer sprechen. Vater saß auf einem Stuhl neben dem Bett. Seine Hemdsärmel waren hochgerollt, und unter seinen Augen lagen dunkle Schatten. Auf dem Tisch stand ein Becher Tee, der längst kalt geworden war.
— Warum hast du mir nicht geglaubt? — fragte ich.
Er sah auf seine Hände.
— Weil Katja mir zuerst die Tabletten gezeigt hat.
— Du hast nicht gefragt, woher sie kamen.
— Ich war wütend.
— Du warst bequem.
Der Satz tat ihm sichtbar weh. Trotzdem nickte er.
— Ja.
Ich hatte mit einer Entschuldigung gerechnet. Mit Erklärungen. Vielleicht sogar mit der Behauptung, er habe nur helfen wollen.
Doch er sagte nichts davon.
— Ich habe dich angesehen und entschieden, dass du das Problem bist, — fuhr er fort. — Weil es leichter war, dir die Schuld zu geben, als zuzugeben, dass ich Katja nicht im Griff hatte.
Ich drehte den Kopf zur Wand.
— Du hast mich nicht nur hinausgeworfen. Du hast mir gesagt, dass ich keine Tochter mehr für dich bin.
— Ich weiß.
— Nein. Du weißt es nicht. Du warst warm. Du hattest Licht. Du konntest jemanden anrufen.
Seine Augen füllten sich, aber ich wollte sein Weinen nicht sehen.
— Ich kann das nicht zurücknehmen, — sagte er.
— Dann versprich nichts.
— Was soll ich tun?
Ich sah ihn an.
— Sag die Wahrheit. Auch wenn sie dich schlecht aussehen lässt.
Kurz nach sieben Uhr kam Frau Neumann in mein Zimmer. Sie legte die kleine Messingeule auf den Tisch und erzählte mir, dass sie sie unter der Bank gefunden hatte.
— Ich dachte, sie gehört zu dir, — sagte sie.
— Tut sie auch.
— Dann solltest du sie wieder an deinen Rucksack machen.
Ich nahm den Anhänger nicht sofort. Meine Finger waren noch schwach. Vater wollte ihn mir reichen, aber ich hielt die Hand zurück.
— Frau Neumann soll ihn annähen.
Vater verstand, was ich damit sagte.
Nicht er.
Nicht Katja.
Frau Neumann nahm Nadel und Faden aus ihrer Tasche. Sie befestigte die Eule sorgfältig am Reißverschluss. Jeder Stich war klein und fest.
Währenddessen kam der Beamte zurück. Er hatte Jonas gefunden. Der Junge war nicht derjenige gewesen, der angerufen hatte. Er hatte Katja bedroht, aber der geheimnisvolle Anrufer war ein anderer Mann.
— Der rote Ordner gehört zu Ihrem früheren Geschäftspartner, — sagte der Beamte zu Vater. — Wir haben die Adresse überprüft. Das Lagerhaus ist auf dessen Namen gemietet.
Vater wurde starr.
— Er ist vor zwölf Jahren verschwunden.
— Nicht verschwunden. Er lebt in einer anderen Stadt. Und er hat gestern Abend versucht, Ihre Tochter als Druckmittel zu benutzen.
Ich erinnerte mich an den roten Ordner. Vater hatte ihn früher oft aus dem Schrank genommen, wenn er glaubte, niemand würde hinsehen. Einmal hatte ich ihn gefragt, warum darin so viele Briefe mit dem Namen meiner Mutter lagen.
Er hatte mir gesagt, es seien alte Geschäftsunterlagen.
Es war gelogen.
— Was steht darin? — fragte ich.
Vater setzte sich wieder.
— Deine Mutter hatte vor ihrem Tod herausgefunden, dass mein Geschäftspartner Geld unterschlagen hatte. Sie wollte ihn anzeigen. Ich bekam Angst und unterschrieb eine Vereinbarung, die alles geheim halten sollte.
— Und dafür hast du ihn gehen lassen?
— Ich dachte, ich könnte unsere Familie schützen.
— Du hast dich geschützt.
Er nickte langsam.
— Ja.
Das war der zweite Teil der Wahrheit, den er mir nie hatte sagen wollen. Der rote Ordner enthielt nicht nur alte Bankbriefe. Darin lag auch ein Schreiben meiner Mutter, in dem sie festhielt, dass sie mir nach ihrem Tod einen Anteil an der Wohnung hinterlassen wollte. Vater hatte die Unterlagen versteckt, weil er befürchtete, der Geschäftspartner würde sie gegen ihn verwenden.
Die Wohnung war also nicht allein seine gewesen.
Und Katja hatte den Ordner nicht zufällig erwähnt. Jonas hatte sie dazu benutzt, ihn zu stehlen. Katja hatte geglaubt, wenn sie die Tabletten in meinen Rucksack legte, würde Vater ihr glauben und den Ordner selbst hervorholen.
Sie hatte mich nicht loswerden wollen.
Aber sie hatte bereitwillig zugesehen, wie ich im Regen verschwand.
Am Nachmittag durfte ich aufstehen. Meine Knie zitterten, deshalb hielt ich mich am Bettgestell fest. Durch das Fenster sah ich die Umgehungsstraße, auf der Frau Neumann mich gefunden hatte. Ich konnte sie nicht wirklich sehen, nur die dunklen Baumkronen hinter dem Klinikpark.
Katja stand in der Tür.
Sie trug noch denselben Pullover. Der abgerissene Faden hing an ihrem Ärmel.
— Darf ich reinkommen? — fragte sie.
Ich sah Vater an.
Er bewegte sich nicht.
— Du entscheidest, — sagte er.
Katja kam herein und blieb am Fußende des Bettes stehen.
— Ich habe gedacht, du würdest immer gewinnen, — sagte sie. — Du warst die Vernünftige. Die mit guten Noten. Die, die Mama noch richtig in Erinnerung hatte.
— Mama hat dich auch geliebt.
— Das weiß ich. Aber ich dachte, für dich wäre mehr übrig.
Ihre Stimme brach.
— Ich habe die Tabletten in deinen Rucksack gelegt. Ich habe Papa gesagt, du nimmst sie. Ich habe gewusst, dass du keinen Mantel hast. Ich habe gewusst, dass du nicht anrufen kannst.
Ich wartete.
— Es tut mir leid, — sagte sie.
Die Worte waren klein. Zu klein für die Straße, den Regen und die acht Stunden, in denen niemand wusste, ob ich überleben würde.
— Ich kann dir nicht verzeihen, nur weil du weinst, — sagte ich.
— Was soll ich dann tun?
Ich dachte an Frau Neumanns Nadel, an den festgenähten Anhänger und an die Stelle unter der Bushaltestelle, an der ich den Rucksack an mich gedrückt hatte.
— Sag es noch einmal. Vor Papa. Vor der Ärztin. Vor jedem, der fragt.
Katja nickte.
Sie tat es.
Nicht schön. Nicht tapfer. Sie stockte, weinte und musste zweimal neu anfangen. Aber sie log nicht mehr.
Vater unterschrieb noch am selben Tag, dass ich nicht in die Wohnung zurückkehren musste. Eine Bekannte der Familie, Frau Neumann, erklärte sich bereit, mich vorübergehend aufzunehmen. Die Ärztin sagte, ich brauche Ruhe, warme Mahlzeiten und jemanden, der nicht aus Wut entscheidet.
Vater wollte die Wohnung verkaufen und mir meinen Anteil auszahlen. Ich lehnte ab.
— Ich will nicht, dass du alles verlierst, — sagte ich.
— Es geht nicht darum, was ich verliere.
— Doch. Du sollst nicht so tun, als könntest du mit Geld reparieren, was du getan hast.
Er sah mich lange an.
— Was darf ich dann tun?
Ich gab ihm den Rucksack.
Der Reißverschluss war noch feucht. Die kleine Messingeule hing daran, fest vernäht.
— Bring ihn mir morgen. Mit meinen Heften. Und mit dem roten Ordner.
— Beides?
— Beides.
— Warum den Ordner?
— Weil Mama wollte, dass ich ihn bekomme. Und weil du mir endlich alles erzählen sollst.
Am nächsten Morgen wartete ich im Aufenthaltsraum der Klinik. Frau Neumann hatte mir ein trockenes Paar Schuhe gebracht. Katja saß am anderen Ende des Flurs und schrieb ihre Aussage mit eigener Hand ab. Vater kam herein, den roten Ordner unter dem Arm.
Er legte ihn auf den Tisch.
— Ich habe die erste Seite nicht gelesen, — sagte er. — Sie ist an dich gerichtet.
Ich öffnete den Ordner nicht sofort.
Auf dem Umschlag lag die kleine Messingeule, die Frau Neumann vor dem Annähen noch einmal abgenommen hatte. Ich nahm sie, hielt sie zwischen zwei Finger und hörte, wie draußen der Bus an der Klinik hielt.
Frau Neumann öffnete die Tür und rief:
— Lena, dein Bus wartet nicht ewig!
Ich steckte die Eule an meinen Rucksack, nahm den roten Ordner und antwortete:
— Dann soll er heute nicht ohne mich abfahren.
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