TEIL 4 — Ich brachte meine Tochter heimlich ins Haus des gefährlichsten Mannes der Stadt – dann stellte sie sich vor ihn und er wurde kreidebleich

TEIL 4

Die Adresse führte zum alten Fährterminal am Südkanal.

Dort, wo das Wasser gegen die rostigen Pfähle schlug, hatte Daniel Moretti seine letzte Spur hinterlassen.

Adrien fuhr selbst. Ich saß neben ihm, Lily auf meinem Schoß, während Salvatore und zwei Männer in einem zweiten Wagen hinter uns blieben. Marco war nicht mitgekommen. Die Capos hatten ihn im Anwesen festgesetzt, nicht aus Loyalität zu Adrien, sondern weil sie inzwischen verstanden hatten, dass er sie alle belogen hatte.

Der Regen war schwächer geworden, aber die Scheibenwischer schoben noch immer dunkle Streifen über die Windschutzscheibe.

„Warum ist Daniel aus der Klinik gegangen?“, fragte ich.

Adrien hielt beide Hände am Lenkrad.

„Weil er glaubt, ich werde ihn wieder in dieses Leben zwingen.“

„Würden Sie das tun?“

Er antwortete nicht sofort.

Lily schlief, den Kopf an meine Schulter gedrückt. Ihr Stoffbär lag zwischen uns. Der Messinganhänger steckte wieder an seiner Pfote.

„Vor vier Jahren hätte ich es getan“, sagte Adrien schließlich. „Heute weiß ich nicht, ob ich überhaupt noch das Recht habe, etwas von ihm zu verlangen.“

Am Terminal stand eine verlassene Lagerhalle. Die Seitenwand war mit verblassten Nummern beschriftet. Hinter einer zerbrochenen Scheibe brannte eine einzelne Lampe.

Adrien stieg aus.

„Bleib im Wagen“, sagte er.

„Nein.“

„Elena—“

„Ich habe drei Jahre lang gewartet, ohne zu wissen, ob mein Mann tot ist. Ich gehe mit.“

Er sah mich an und nickte.

Das war die erste Erlaubnis, die er mir gab, ohne mich gleichzeitig zu kontrollieren.

In der Halle roch es nach nassem Holz, Diesel und altem Salz. Hinter einem Stapel leerer Kisten hörten wir ein Husten.

„Daniel?“, rief ich.

„Elena?“

Meine Beine wurden weich.

Er trat ins Licht.

Daniel war dünner, als ich ihn in Erinnerung hatte. Sein schwarzes Haar war kurz geschnitten, und über seiner linken Augenbraue zog sich eine blasse Narbe. Er hielt sich mit einer Hand an einer Metallstange fest.

Lily erwachte in meinen Armen.

READ  Ich musste vor zweiundzwanzig Kindern eine fremde Entschuldigung vorlesen, doch als die Schulleitung die Tür öffnete, wurde meine Lehrerin kreidebleich

„Papa?“

Daniel schloss die Augen.

Dann ging er auf die Knie.

Lily rannte zu ihm. Er fing sie auf, obwohl sein Gesicht vor Schmerzen verzerrt war, und presste sie so fest an sich, dass sie protestierte.

„Du bist schwer geworden“, flüsterte er.

„Du bist spät“, sagte Lily.

Ein Lächeln erschien auf seinem erschöpften Gesicht.

„Das weiß ich.“

Ich blieb zwei Schritte entfernt stehen. Wut, Erleichterung und Trauer kamen gleichzeitig, und keine dieser Empfindungen fand einen Platz in meinem Körper.

„Du hast mich allein gelassen“, sagte ich.

„Ich weiß.“

„Du hast mich glauben lassen, du wärst tot.“

„Ich wusste nicht, ob ich zurückkehren darf.“

„Du hättest fragen können.“

Daniel sah zu Adrien.

„Ich dachte, wenn ich zurückkomme, bringt er euch beide in Gefahr.“

Adrien blieb an der Hallentür stehen.

„Das habe ich getan“, sagte er. „Nicht du.“

Daniel hob den Kopf.

„Marco hat mich nicht nur angegriffen. Er hat die Flucht organisiert. Er wollte, dass ich verschwinde, damit er die Häfen übernimmt. Aber er war nicht allein.“

Er zog ein kleines Notizbuch aus der Innentasche seiner Jacke.

„Ich habe drei Jahre lang Namen gesammelt. Zahlungen. Termine. Leute, die für ihn gearbeitet haben. Die Erklärung bei Salvatore beweist, dass er mich bedroht hat. Das hier beweist, wie weit sein Netz reicht.“

Adrien nahm das Buch nicht.

„Warum bist du aus der Klinik gegangen?“

„Weil Marco dort einen Mann hatte. Er wusste, dass ich aufwache. Ich wollte, dass du die Unterlagen bekommst, bevor er sie findet.“

Hinter uns heulte ein Motor auf.

Adrien drehte sich um.

Durch die gebrochenen Fenster sah ich zwei schwarze Fahrzeuge auf den Hof rasen. Scheinwerfer schnitten durch den Regen.

Daniel schob Lily hinter sich.

„Sie sind gekommen“, sagte er.

Adrien griff unter sein Jackett, aber Daniel hielt seine Hand fest.

„Keine Waffen.“

„Sie werden nicht verhandeln.“

„Doch“, sagte Daniel. „Wenn du ihnen etwas gibst, das sie mehr wollen als deinen Tod.“

READ  TEIL 4 — Meine Schwester zog mit meinem Verlobten in mein frisch gekauftes Haus, doch als ich die Urkunde zeigte, verlor er die Farbe

Er zeigte auf das Notizbuch.

„Die Männer im Wagen wissen noch nicht, dass Marco sie opfern wollte. Ruf sie an. Sag ihnen, dass die Verträge auf ihren Namen übertragen werden, wenn sie gegen ihn aussagen.“

Adrien sah ihn lange an.

„Du hast einen Plan.“

„Ich habe drei Jahre gehabt.“

Die Fahrzeuge hielten. Vier Männer stiegen aus. Einer von ihnen war Marco. Sein Gesicht war blutig, und seine rechte Hand hing seltsam nach unten.

„Adrien!“, brüllte er. „Gib mir das Buch!“

Adrien trat aus dem Schatten.

„Du bekommst es.“

Marco blieb stehen.

„Dann komm her.“

„Nein. Du kommst zu uns.“

„Du bist verrückt geworden.“

„Vielleicht.“

Adrien zog sein Telefon heraus und stellte den Lautsprecher an.

„Jeder Mann, dessen Name in diesem Buch steht, bekommt seinen Anteil an den Häfen zurück, wenn er heute aussagt. Wer für Marco bleibt, verliert alles, was er besitzt.“

Die vier Männer sahen einander an.

Marco lachte unsicher.

„Er blufft.“

Adrien reichte Salvatore die Erklärung von Daniel. Der alte Butler trat ins Licht und las laut die erste Seite vor. Dann die zweite. Dann die Namen der Männer, die Marco heimlich bezahlt hatte.

Einer der Capos senkte den Blick.

„Du hast uns verkauft“, sagte er.

Marco wich zurück.

„Ich wollte die Familie retten.“

„Du wolltest unsere Anteile“, sagte ein anderer.

„Ihr seid nichts ohne mich!“

Er riss eine Pistole aus dem Gürtel des nächststehenden Mannes. Doch bevor er sie heben konnte, stellte sich Adrien zwischen ihn und Daniel.

Ich hörte den Schuss nicht.

Salvatore hatte Marco das Handgelenk mit einem Eisenhaken getroffen. Die Waffe rutschte über den Boden. Marco fiel auf die Knie.

Adrien ging zu ihm.

„Du hast geglaubt, ich würde meinen Sohn wieder opfern, damit mein Name erhalten bleibt.“

Marco presste die Zähne zusammen.

„Das ist es, was du immer getan hast.“

Adrien sah zu Daniel.

„Ja.“

Dann nahm er einen Ring vom Finger. Das Siegel der Moretti-Familie. Er legte ihn auf den Boden und trat darauf, bis der feine Stein im Metall brach.

READ  Mein sterbender Vater schickte mich zu einem fremden Haus – doch als die Tür aufging, wich der Frau dahinter jede Farbe aus

„Die Häfen werden verkauft“, sagte er. „Die Arbeiter bekommen ihre Anteile. Die Schulden meiner Männer werden bezahlt. Und niemand aus dieser Familie führt dieses Geschäft weiter.“

Marco starrte auf den zerbrochenen Ring.

„Du wirfst alles weg.“

„Nein“, sagte Adrien. „Ich lasse endlich los, was meinen Sohn beinahe getötet hat.“

Die Männer nahmen Marco mit. Nicht zu einer großen öffentlichen Abrechnung, sondern in ein Lagerhaus, dessen Schlüssel nun nicht mehr ihm gehörten. Sie wollten ihn zwingen, jede Zahlung und jeden Namen herauszugeben. Er verlor genau das, wonach er all die Jahre gegriffen hatte: die Kontrolle über die Männer, die er zu beherrschen geglaubt hatte.

Adrien brachte Daniel noch in derselben Nacht zurück ins Anwesen.

Nicht in den Westflügel.

Er ließ ein Zimmer im sonnigen Südteil herrichten, mit einer niedrigen Kommode, einem breiten Bett und einem Stuhl neben dem Fenster. Daniel konnte kaum stehen, aber er bestand darauf, Lily selbst die Geschichte vom Fuchs und dem störrischen Raben vorzulesen.

Ich saß daneben und hörte zu.

Später, als Lily eingeschlafen war, standen Daniel und Adrien im Flur.

„Ich vergebe dir nicht heute“, sagte Daniel.

Adrien nickte.

„Das musst du nicht.“

„Vielleicht nie.“

„Dann werde ich trotzdem jeden Morgen da sein.“

Daniel sah ihn an.

„Du darfst nicht mehr entscheiden, wer wir sein sollen.“

„Das werde ich nicht.“

„Und du musst lernen, um Hilfe zu bitten.“

Adrien blickte auf seine leeren Hände.

„Das wird schwer.“

„Gut.“

Ich wollte gerade zu ihnen gehen, als Lily im Schlaf murmelte:

„Herr Moretti läuft zu langsam.“

Adrien blieb stehen.

Dann nahm er den Stoffbären, dessen Messinganhänger im schwachen Flurlicht glänzte, und befestigte ihn sorgfältig an Lilys Bettgitter.

„Morgen“, flüsterte er, „fange ich dich.“

Missed the beginning?

← Read the story from part one

Оцените статью
Добавить комментарии

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

TEIL 4 — Ich brachte meine Tochter heimlich ins Haus des gefährlichsten Mannes der Stadt – dann stellte sie sich vor ihn und er wurde kreidebleich
Meine Schwester ließ den Sarg meiner Frau versiegeln, doch als ich den Deckel anhob, wich die Farbe aus ihrem Gesicht