TEIL 4 — Mein Mann legte mir im Krankenhaus ein Baby in die Arme, doch als der Arzt mich beiseiternahm, wurde sein Gesicht kreidebleich

TEIL 4

Ich hielt das Telefon so fest, dass das Plastik in meiner Hand knirschte.

— Wer sind Sie?

Am anderen Ende blieb es einen Moment still.

— Mein Name ist Nadine Falk. Ich liege in der Klinik am Fluss. Ihr Mann hat mir gesagt, das Kind sei aus einer anonymen Spende entstanden.

Ich sah David an.

Sein Gesicht hatte jede Farbe verloren.

— Wie heißt Ihr Arzt? fragte ich.

— Dr. Reimann. Aber er ist gerade nicht bei mir. Ich habe Ihre Nummer auf einer Rechnung gefunden. Auf der Rückseite stand: Falls Mara Fragen stellt, alles offenlegen.

— Wer hat das geschrieben?

— Ihre Schwägerin.

David sprang auf.

— Das ist eine Lüge!

Nadine hörte ihn offenbar durch das Telefon.

— Ist er bei Ihnen?

— Ja.

— Dann sagen Sie ihm, dass Klara heute Nacht hier war. Sie hat geweint. Sie wollte, dass ich das Kind nicht herausgebe, bevor Sie nicht wissen, was er getan hat.

Hinter mir begann Grace zu wimmern. Die Schwester schob ihr eine winzige Sauerstoffmaske über Mund und Nase. Der Kunststoff beschlug bei jedem Atemzug.

— Nadine, sagte ich, bleiben Sie bitte am Telefon. Ich brauche jede Information.

— Es gibt nicht viel Zeit. Der Eingriff ist für sechs Uhr angesetzt.

— Wie weit sind Sie?

— Achtunddreißigste Woche.

Ich schloss kurz die Augen. Zwei Kinder. Eines in diesem Raum, eines in einer anderen Klinik. Beide entstanden aus meinem Körper, aus einer Entscheidung, die mir jemand aus der Hand genommen hatte.

Dr. Weber beugte sich zu mir.

— Ich lasse die Datenübertragung stoppen und rufe die Klinik an.

David stellte sich ihm in den Weg.

— Sie werden gar nichts stoppen. Das Kind gehört Klara.

— Es gehört niemandem wie ein Gegenstand, sagte ich.

Er drehte sich zu mir.

— Du wolltest doch eine Tochter! Sieh sie dir an. Du hast sie in den Armen gehalten. Du hast geweint.

— Weil ich dachte, du hättest mich an etwas Wunderschönem teilhaben lassen. Nicht, weil du das Recht hattest, mein Erbgut zu verschenken.

Er schlug mit der Hand auf den Tisch. Das Glas mit den Einwegstiften sprang um, und die Stifte rollten über den Boden.

Grace’ Monitor begann schneller zu piepen.

Die Schwester fuhr herum.

— Raus mit ihm.

— Ich bin ihr Vater!

— Nein, sagte ich. Du bist der Mann, der ihren Namen auf einen Vertrag geschrieben hat, den sie nie unterschrieben hat.

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David starrte mich an, als wäre dieser Satz schlimmer als jede Anschuldigung.

Dann öffnete sich die Tür, und Klara trat ein.

Sie trug einen langen grauen Mantel über ihrer Krankenhauskleidung. In der Hand hielt sie einen braunen Ordner, dessen Ecken vom Regen aufgequollen waren. Ihr Gesicht war gerötet, ihre Augen geschwollen.

— Nadine hat mir gesagt, dass du hier bist, sagte sie.

David machte einen Schritt auf sie zu.

— Du solltest nicht kommen.

— Ich habe dich dreizehn Jahre lang gedeckt. Heute reicht es.

Sie legte den Ordner vor mich.

Darin lagen Briefe. Nicht von einer Klinik, sondern von David.

Der erste war fünf Jahre alt. Er schrieb, er werde „Mara ihre Tochter zurückgeben“, sobald er genug Geld habe. Der zweite war jünger. Darin stand, er habe Angst, dass ich ihn verlasse, wenn ich die Wahrheit über seine Unfruchtbarkeit erfahre. Der letzte Brief war von gestern.

Klara hatte darin nur einen Satz unterstrichen: Wenn Mara Grace sieht, wird sie mir verzeihen.

Ich hob den Blick.

— Du hast geglaubt, ich würde dir verzeihen?

David sagte nichts.

Klara antwortete für ihn.

— Er glaubte, ein glückliches Ende könne die Lüge rückwirkend sauber machen.

Ich wandte mich an sie.

— Warum hast du mitgemacht?

Sie setzte sich, als würden ihre Knie sie nicht länger tragen.

— Weil ich selbst ein Kind wollte. Weil er sagte, es sei die einzige Möglichkeit. Und weil ich dachte, wenn du Grace bekommst, würde niemand verletzt.

— Du hast sie an Nadine weitergegeben.

— Ich habe versucht, sie zu retten. Als ich erfuhr, dass David Nadine belogen hatte, wollte ich den Eingriff stoppen. Er hatte aber bereits die Einwilligung gefälscht und das Geld überwiesen.

Am Telefon begann Nadine zu weinen.

— Ich habe nie zugestimmt, die Mutter zu spielen, sagte sie. Ich wollte nur helfen. Er sagte, die genetische Mutter sei tot.

Dr. Weber nahm den Ordner. Seine Hände zitterten nicht mehr.

— Mit diesen Unterlagen können wir die Übertragung des Embryos sofort anhalten. Aber wir brauchen eine Entscheidung von Frau Carter.

Ich sah durch die Glasscheibe zur Kinderstation. Grace lag unter einer Wärmelampe. Ein dünner Schlauch führte in ihre Nase. Ihr Herz schlug zu schnell, aber regelmäßig.

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— Welche Entscheidung?

— Sie können die rechtliche Verantwortung für Grace übernehmen. Für das andere Kind müssen die beteiligten Frauen und Sie gemeinsam klären, wer es aufnehmen wird. Ihre Zustimmung ist für jede weitere Verwendung Ihrer genetischen Proben erforderlich.

David lachte bitter.

— Du willst doch nicht beide Kinder nehmen.

Ich drehte mich zu ihm.

— Ich nehme keine Kinder. Ich entscheide, ob ich für sie da bin.

— Du kannst das nicht allein.

— Das habe ich auch nie behauptet.

Ich rief meine Söhne an. Lukas ging sofort ran, obwohl es kurz vor acht war.

— Mama? Was ist passiert?

Ich hörte Jonas und Emil im Hintergrund fragen, ob alles in Ordnung sei. Ihre Stimmen waren erwachsen geworden, aber in diesem Augenblick klangen sie wieder wie die Jungen, die sich um mein Bett gedrängt hatten, als Grace geboren wurde.

— Ich brauche euch, sagte ich. Nicht hier im Krankenhaus. Fahrt zur Klinik am Fluss. Sagt Nadine, dass sie nicht allein ist.

— Wer ist Nadine? fragte Lukas.

— Eine Frau, die eure Schwester austrägt.

Am anderen Ende herrschte Stille.

Dann sagte Emil ruhig:

— Dann fahren wir.

Das war der Moment, in dem David begriff, dass sein sorgfältig gebautes Geheimnis nicht mehr ihm gehörte. Nicht mir. Nicht Klara. Niemandem.

Eine Stunde später wurde Grace aus dem Brutkasten genommen. Ihr Herzfehler war klein, aber behandlungsbedürftig. Dr. Weber erklärte, dass sie bleiben müsse, doch ihre Aussichten gut seien.

Ich saß neben ihr, während Klara in einem Nebenraum ihre Aussage unterschrieb. Nicht bei der Polizei. Nicht vor einem Gericht. Sie unterschrieb im Krankenhaus, unter Zeugen, dass sie keinen Anspruch auf Grace erheben und die Klinik am Fluss über die wahre Herkunft des zweiten Embryos informieren würde.

David weigerte sich zunächst.

Dann legte Dr. Weber ihm die gefälschte Unterschrift vor.

— Wenn Sie die Herausgabe der Unterlagen verhindern, verlieren Sie jedes Mitspracherecht bei beiden Kindern.

David sah auf die Seite. Sein Finger strich über den zu langen letzten Buchstaben meiner angeblichen Unterschrift.

— Ich wollte nur eine Tochter, sagte er.

Klara stand hinter ihm.

— Nein. Du wolltest, dass Mara dir für immer dankbar bleibt.

Er setzte den Stift an.

Seine Unterschrift war klein und schief.

Am späten Nachmittag rief Nadine erneut an. Die Übertragung war gestoppt worden. Die Ärzte hatten den Kaiserschnitt abgesagt, bis alle Beteiligten aufgeklärt waren. Klara hatte sich bereit erklärt, das Kind nicht zu beanspruchen. Nadine wollte es behalten, wenn die medizinische und rechtliche Situation geklärt war. Ich versprach nichts, was ich nicht halten konnte. Aber ich versprach, zu kommen.

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David saß inzwischen allein auf dem Flur. Sein brauner Schal lag neben ihm auf dem Stuhl. Der silberne Faden hatte sich vollständig gelöst.

Ich blieb in einigem Abstand stehen.

— Mara, sagte er.

— Was?

— Wird Grace meinen Namen tragen?

Ich blickte zu der Glasscheibe, hinter der unsere Tochter schlief.

— Sie wird den Namen tragen, den ich ihr gegeben habe. Und sie wird wissen, wer sie ist.

— Und ich?

Ich dachte an siebzehn Jahre Ehe, drei Söhne, die er liebte, und an eine Lüge, die er Liebe genannt hatte. Ich dachte an die vier Embryonen, die in einer Kühlkammer gewartet hatten, während wir unser Leben lebten. An Lena, Nadine und Klara. An Kinder, die beinahe zu Beweisen für seine Angst geworden wären.

— Du wirst erklären, was du getan hast. Jeden einzelnen Schritt. Und danach entscheidest nicht du, wie viel Platz du in ihrem Leben bekommst.

Er nickte, aber ich blieb stehen.

Am Abend durfte ich Grace zum ersten Mal selbst füttern. Sie trank langsam, hielt dann inne und öffnete die Augen. Dieses besondere Grau war nicht Davids. Es war auch nicht meines. Es war eine Farbe, die niemandem gehörte und trotzdem sofort mein Herz traf.

Ich nahm die kleine Messingmarke aus meiner Tasche. Ich hatte sie Jahre zuvor in einer Schublade gefunden, zwischen alten Rechnungen und einem einzelnen rosa Wollfaden. Auf der Rückseite stand noch die Lagerungsnummer.

Dr. Weber hatte sie mir gegeben, nachdem er sie in Davids Unterlagen entdeckt hatte.

Ich legte sie nicht zu Grace in den Bettkasten. Ich legte sie auf den Tisch neben den Vertrag.

Dann griff ich zum Telefon und wählte die Nummer der Klinik am Fluss.

— Hier ist Mara Carter, sagte ich. Ich möchte wissen, wann ich meine zweite Tochter sehen darf.

Neben mir bewegte Grace ihre Finger.

Und aus dem Lautsprecher kam Nadines erschöpfte Stimme:

— Sobald Sie bereit sind, Frau Carter. Wir warten auf Sie.

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