TEIL 4 — Mein Ex-Mann wollte meine Söhne aus dem Wettbewerb drängen, doch als ich meinen Ausweis zeigte, verlor sein Lächeln jede Sicherheit

TEIL 4

Ich rannte durch den Seitengang, ohne mich noch einmal nach Nathan umzudrehen.

Ethan saß im Untersuchungsraum der Notaufnahme auf einer schmalen Liege. Seine Brille lag neben ihm, ein Bügel war verbogen. Eli stand an der Wand und hielt die Messingscheibe aus der alten Uhr so fest, dass sie in seiner Handfläche verschwand.

— Was ist passiert? fragte ich.

Die Kinderärztin, Dr. Neumann, zog den Vorhang zu.

— Ethan ist während der Unterbrechung ohnmächtig geworden. Seine Herzfrequenz war unregelmäßig. Wir haben die ersten Untersuchungen gemacht.

Ethan hob die Hand.

— Ich bin nicht ohnmächtig geworden. Ich habe nur kurz nichts gehört.

— Und danach? fragte ich.

— Meine Finger haben gekribbelt.

Dr. Neumann zeigte auf die Aufnahmen.

— Wir müssen ihn weiter untersuchen. Es sieht nach einer behandelbaren Herzrhythmusstörung aus, aber wir dürfen es nicht ignorieren. Er braucht heute Ruhe, ein Langzeitgerät und wahrscheinlich einen Eingriff, wenn sich der Verdacht bestätigt.

Ich legte Ethan die Hand auf die Schulter.

In meinem Kopf prallten zwei Welten aufeinander: die Betrugsunterlagen in der Halle und mein Sohn, der mit sechzehn Jahren auf einer Krankenhausliege saß und versuchte, mich mit einem Lächeln zu beruhigen.

— Der Wettbewerb ist vorbei, sagte ich.

— Für mich nicht, antwortete Ethan.

— Doch.

— Mama, wir haben so lange dafür gearbeitet.

— Du hast nicht für eine Trophäe gearbeitet. Du hast für dein Leben gearbeitet. Das ist wichtiger.

Eli blickte zur Tür.

— Preston ist draußen.

Ich ging hinaus.

Preston stand neben dem Automaten für heiße Getränke. Er hatte die glänzende Mappe unter den Arm geklemmt, aber seine Schultern waren eingesunken. Celeste saß auf einem Plastikstuhl und starrte auf ihre Hände. Nathan stand dahinter, das Telefon am Ohr, während er hektisch auf und ab ging.

— Nein, sagte er. — Die Stiftung kann die Zahlungen nicht einfrieren. Sie brauchen meine Unterschrift. Ich habe gesagt, dass die Prüfung ein Missverständnis ist.

Er sah mich und beendete das Gespräch.

— Ethan geht es schlecht?

Ich antwortete nicht sofort.

— Er muss untersucht werden.

Nathan nickte, doch sein Blick wanderte sofort zu Preston.

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— Wir müssen zurück in die Halle. Wenn ich die Kommission umstimme, lässt sich das regeln.

Preston sah ihn an.

— Du hast gerade von Geld gesprochen.

— Weil Geld Dinge repariert.

— Du hast meine Leistungen gekauft.

— Ich habe dir Türen geöffnet.

— Nein, sagte Preston. — Du hast mich hinter eine Tür gestellt, durch die ich nicht gehen konnte.

Celeste erhob sich langsam.

— Ich wusste nichts von den Aufgaben.

Nathan drehte sich zu ihr.

— Du hast die Rechnungen genehmigt.

— Weil du gesagt hast, es gehe um Preston.

— Es ging um Preston.

— Nein, sagte sie. — Es ging um dich.

Diese Worte trafen ihn stärker als alles, was ich gesagt hatte.

Dr. Neumann trat aus dem Raum.

— Frau Ellis, wir haben Ethan stabilisiert. Wir bleiben zur Beobachtung hier. Sie müssen eine Entscheidung treffen, ob er in ein spezialisiertes Zentrum verlegt werden soll.

— Ich unterschreibe alles, was nötig ist.

Nathan kam einen Schritt näher.

— Ich bezahle die beste Klinik.

Eli stellte sich zwischen uns.

— Du darfst nicht so tun, als wärst du plötzlich unser Vater, nur weil Mama eine Rechnung bekommt.

Nathan sah ihn an. Diesmal wich sein Blick nicht aus, aber er fand auch keinen Platz, an dem er sich festhalten konnte.

— Ich wollte euch schützen, sagte er.

— Wovor? fragte Eli. — Vor dir?

Nathan öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Nicht, weil ihm nichts einfiel, sondern weil jede mögliche Antwort ihn schlimmer gemacht hätte.

Dr. Voss kam aus dem Konferenzraum. In seiner Hand hielt er einen Umschlag mit dem Siegel der Bildungsbehörde.

— Dr. Ellis, ich muss Ihnen etwas mitteilen.

Nathan richtete sich auf.

— Wenn es um den Wettbewerb geht, können wir das unter vier Augen klären.

— Das tun wir nicht, sagte Dr. Voss. — Die Kommission hat entschieden, dass alle fünf Kategorien neu bewertet werden. Ihre Söhne behalten ihre Ergebnisse. Die Crowe-Schule ist ausgeschlossen. Außerdem wird die Crowe-Stiftung bis zur Prüfung aller Zahlungen von öffentlichen Förderungen getrennt.

Nathan schüttelte den Kopf.

— Sie können meine Stiftung nicht anfassen.

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— Sie gehört nicht Ihnen allein. Sie wurde mit Geldern von Familien aufgebaut, denen Sie faire Chancen versprochen haben.

Livia reichte ihm eine weitere Seite.

— Und die Einsetzung eines unabhängigen Verwalters wurde bereits von den übrigen Vorstandsmitgliedern unterschrieben.

Nathan las die Namen.

Seine eigene Unterschrift stand nicht darunter.

— Das ist unmöglich.

— Nein, sagte Celeste. — Es ist nur etwas, das du nicht kontrollierst.

Sie nahm ihre diamantbesetzte Kette ab und legte sie in ihre Handtasche. Der Verschluss sprang dabei auf. Ein kleiner Stein fiel auf den Linoleumboden und rollte unter den Automaten.

— Ich habe genug davon, deinen Namen zu verteidigen, sagte sie. — Und ich werde Preston nicht länger zwingen, für deine Lügen dankbar zu sein.

Nathan sah zwischen ihnen hin und her.

— Ihr wollt mich alle fallen lassen?

Preston antwortete ruhig:

— Du bist gefallen, als du beschlossen hast, dass mein Platz wichtiger ist als meine Wahrheit.

Im Untersuchungsraum piepte das Überwachungsgerät. Ich ging zu Ethan. Er lag mit geschlossenen Augen da, blass, aber wach.

— Hast du alles gehört? fragte ich.

— Nur den Teil, in dem Preston endlich ehrlich war.

— Du musst dich ausruhen.

— Mama?

— Ja?

— Wenn wir den Pokal nicht bekommen, ist es dann trotzdem ein guter Tag?

Ich setzte mich neben ihn.

— Du hast heute etwas gewonnen, das niemand kaufen kann.

Ethan verzog das Gesicht.

— Das klingt nach einer Rede.

— Dann hör nicht zu.

Er tastete nach meiner Hand.

— Ich möchte, dass Preston mitkommt, wenn wir neu antreten. Nicht für ihn. Aber weil er die Aufgaben nicht wollte.

Ich sah zur Tür. Preston stand dort, die glänzende Mappe inzwischen offen. Darin lagen leere Blätter, ein abgebrochener Bleistift und die Erklärung, die er selbst geschrieben hatte.

— Ich darf vielleicht gar nicht mehr antreten, sagte er.

— Vielleicht nicht heute, antwortete ich. — Aber du kannst entscheiden, was du als Nächstes tust.

Er trat ein.

— Ich will alles abgeben, was ich aus den vorab verteilten Unterlagen gelernt habe. Jede Antwort, jede Notiz. Und ich will selbst noch einmal antreten, ohne meinen Vater im Raum.

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Eli nickte.

— Dann lernst du eben mit uns.

Preston sah ihn überrascht an.

— Nach allem, was mein Vater gesagt hat?

— Das waren seine Worte, sagte Eli. — Nicht deine.

Im Flur wurde Nathan von Livia gebeten, seine Zugangskarte abzugeben. Es gab keine Sirenen, keine Handschellen und keinen dramatischen Abgang. Nur das leise Piepen, als die Karte aus dem Gerät gezogen wurde.

Er blieb vor der Tür stehen.

— Mara.

Ich ging nicht hinaus. Ich blieb bei Ethan sitzen.

— Was?

— Ich wusste nicht, dass sie krank waren.

Ich legte meine Finger auf Ethans Handgelenk und zählte seinen Puls.

— Du wusstest, dass sie existieren.

Draußen sagte er nichts.

Die Tür blieb offen, aber er kam nicht herein.

Am Abend wurde Ethan in ein Spezialzentrum verlegt. Eli fuhr mit uns, Preston wartete im Eingangsbereich mit einer Mappe voller eigener Erklärungen. Nathan musste seine Stellung in der Stiftung abgeben, und Celeste unterschrieb die Unterlagen, die den Verwaltungsrat gegen ihn aufbrachten. Die Schule verlor ihren Platz in der Meisterschaft und musste die Familien über die gekauften Prüfungen informieren.

Die Zwillinge erhielten später keine automatische Trophäe. Die Kommission setzte einen neuen Wettbewerb an, ohne Namen auf den Bewertungsbögen und ohne Sponsoren im Saal.

Ethan durfte wegen seiner Untersuchung nur an zwei Prüfungen teilnehmen. Eli blieb bei ihm und verzichtete auf den Einzelstart in der Technikrunde.

Preston erschien trotzdem.

Er nahm nicht den Platz seines Vaters ein. Er setzte sich hinten in den Saal und reichte der Kommission seine Erklärung.

Als die neue Mathematikrunde begann, lag die kleine Messingscheibe aus Elis Uhr neben Ethans Bleistift. Preston sah sie an.

— Wofür ist die? fragte er.

Ethan antwortete, ohne aufzusehen:

— Damit wir nicht vergessen, dass auch kleine Zahnräder etwas bewegen.

Dann drückte er den Bleistift auf das erste leere Blatt.

Und diesmal stand auf keiner Mappe der Name Crowe.

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