TEIL 4
…ich starrte auf diese Nachricht, bis die Buchstaben vor meinen Augen verschwammen.
„Rufen Sie sie an“, sagte Weber.
„Jetzt?“
„Jetzt.“
Draußen schlug der Regen gegen die Scheibe. Galina hielt Maxim enger an sich, während Nikola die Tür abschloss.
Ich wählte die Nummer.
Eine Frau meldete sich nach dem ersten Klingeln.
„Frau Winter?“
„Ja.“
„Ich heiße Sabine Keller. Ich fuhr den Lastwagen.“
Ihre Stimme zitterte.
„Was wollten Sie mir sagen?“
„Ihr Vater hat mich kurz vor dem Unfall angerufen. Er wusste, dass Sie über die Umgehungsstraße fahren würden.“
Mir wurde schwindelig.
„Was hat er gesagt?“
„Ich sollte Sie nicht verletzen. Das schwöre ich. Er sagte nur, ich solle den Wagen quer auf die Fahrbahn stellen, damit Sie anhalten müssen.“
„Warum?“
„Er wollte Ihnen Unterlagen abnehmen. Er sagte, Sie hätten etwas gestohlen.“
Weber nahm mir das Telefon vorsichtig aus der Hand und stellte den Lautsprecher an.
„Haben Sie den Anruf aufgezeichnet?“ fragte er.
„Mein Lastwagen zeichnet alle Gespräche über die Freisprechanlage auf. Ich habe die Datei gesichert.“
Nikola schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.
„Dieser Mann ist nicht mehr bei Sinnen.“
Sabine atmete schwer.
„Ich bekam Angst, als Ihr Wagen gegen meinen Anhänger prallte. Ich habe sofort den Notruf gewählt. Danach rief Ihr Vater noch einmal an und sagte, ich solle behaupten, Sie hätten selbst die Kontrolle verloren.“
Weber schrieb die Nummer der Aufnahme auf einen Zettel.
„Schicken Sie mir die Datei. Sofort.“
„Ich habe sie bereits an die Polizei weitergeleitet.“
Zum ersten Mal seit Stunden konnte ich tief einatmen.
Nicht ohne Schmerzen.
Aber ohne die lähmende Unsicherheit, ob ich mir alles nur eingebildet hatte.
Mein Vater hatte geglaubt, ich sei allein.
Er hatte geglaubt, niemand würde zuhören.
Am nächsten Morgen um 8:10 Uhr erschien ein Mitarbeiter des Jugendamtes in meinem Zimmer. Mein Vater kam nicht mit. Stattdessen schickte er seine Rechtsanwältin, Frau Brandt, eine elegante Frau mit strengem Dutt und einer Aktentasche aus schwarzem Leder.
„Ihr Vater sorgt sich um das Kind“, sagte sie.
„Er sorgt sich um das Haus“, antwortete ich.
Frau Brandt legte die Hände übereinander.
„Sie liegen verletzt im Krankenhaus. Ihr Sohn wurde über Nacht von Verwandten betreut. Es wäre vernünftig, vorübergehend eine andere Lösung zu prüfen.“
Weber schob ihr die Abschrift des Testaments entgegen.
„Hier ist die Lösung. Die Mutter bleibt bei ihrem Kind.“
„Das ist nicht ausreichend.“
„Dann hören wir uns die Aufzeichnung der Lastwagenfahrerin an.“
Frau Brandt wurde blass.
„Davon wusste ich nichts.“
„Das glaube ich Ihnen“, sagte Weber. „Aber Ihr Mandant wusste davon.“
Der Mitarbeiter des Jugendamtes bat um Ruhe. Er hörte die Aufnahme vollständig an. Danach sah er mich lange an.
„Frau Winter, möchten Sie, dass Ihr Sohn bei Ihnen bleibt?“
Ich blickte zu Maxim. Er lag in seinem Bettchen und bewegte eine winzige Hand unter der gelb bestickten Decke.
„Ja.“
„Haben Sie eine sichere Unterkunft?“
Nikola trat vor.
„Das Haus am Fluss steht ihr ab heute zur Verfügung. Ich habe den Schlosser bereits bestellt.“
Weber ergänzte:
„Und wir beantragen noch heute den Schutzbeschluss gegen den Großvater.“
Frau Brandt schloss ihre Aktentasche.
„Ich kann diesen Antrag nicht weiter vertreten.“
„Sie kündigen das Mandat?“ fragte Weber.
„Ich vertrete keinen Mann, der seine eigene Tochter in eine Falle lockt.“
Am Nachmittag wurde mein Vater von der Polizei befragt. Nicht im Krankenhaus. In seinem Haus, zwischen den Blumenarrangements, den angebrochenen Weinflaschen und den Geschenken von Christinas Verlobungsfeier.
Dort spielte man ihm seine eigene Stimme vor.
„Wenn Elena sich weigert, den Jungen abzugeben, sorge ich dafür, dass das Jugendamt von ihrem Unfall erfährt.“
Er hörte den Satz zweimal.
Beim dritten Mal fragte er, ob man die Aufnahme manipuliert habe.
Dann erkannte er seine eigene Stimme.
Seine Hand fiel vom Tisch.
Christina saß ihm gegenüber und weinte nicht mehr.
„Sag es“, forderte sie.
„Was?“
„Sag, dass du gelogen hast.“
Er sah sie an, als wäre sie plötzlich eine Fremde.
„Ich habe alles für dich getan.“
„Nein“, sagte sie. „Du hast alles von Elena genommen und es mir gegeben.“
In den folgenden Wochen wurde das Testament bestätigt. Die Überweisungen wurden geprüft. Mein Vater verlor seine Stellung als Treuhänder und musste das Geld zurückzahlen. Gegen ihn wurde wegen Betrugs, Urkundenfälschung und gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr ermittelt.
Ich fühlte keine Freude darüber.
Nur Müdigkeit.
Das Haus am Fluss war kleiner, als ich es in Erinnerung hatte. Die Tapete im Flur war an den Ecken aufgequollen. Im Wohnzimmer stand noch der alte Schrank meiner Großmutter. Auf dem Fensterbrett lagen vertrocknete Rosmarinzweige, die niemand weggeräumt hatte.
In meinem früheren Zimmer hing kein Bild mehr.
Nur ein heller Rechteck an der Wand zeigte, wo einmal mein Kinderfoto gewesen war.
Ich stand dort mit Maxim auf dem Arm. Mein Gips war noch nicht entfernt, und jeder Schritt tat weh.
„Wir sind zu Hause“, flüsterte ich.
Er öffnete die Augen und sah mich an.
Sechs Monate später wohnte ich wieder in dieser Stadt, aber nicht mehr in der Nähe meiner Eltern. Ich arbeitete vormittags in einer kleinen Buchhandlung am Marktplatz. Nachmittags holte ich Maxim aus der Krippe ab. Er konnte inzwischen sitzen und klopfte mit einem Holzlöffel gegen seine Schüssel, als wolle er die ganze Welt wecken.
An einem kalten Novembermorgen fiel der erste Schnee.
Maxim stand am Fenster und drückte beide Hände gegen die Scheibe.
„Weiß“, sagte er.
„Ja“, antwortete ich. „Ganz weiß.“
Auf dem Küchentisch lag ein Bild, das er in der Krippe gemalt hatte. Es zeigte drei krumme Figuren: ihn, mich und eine große Sonne über dem Haus.
Nikola besuchte uns jeden Sonntag. Galina brachte Suppe mit und beschwerte sich darüber, dass ich noch immer zu wenig aß. Meine Mutter schrieb manchmal Briefe, die ich nicht sofort öffnete.
Christina kam eines Tages allein.
Sie stellte einen Karton vor die Tür.
Darin lagen die Briefe meiner Großmutter, die mein Vater jahrelang versteckt hatte.
„Ich kann nichts ungeschehen machen“, sagte sie.
„Nein.“
„Aber ich wollte, dass du sie bekommst.“
Ich nahm den Karton.
„Danke.“
Wir umarmten uns nicht. Noch nicht.
Ein Jahr nach dem Unfall erhielt ich eine Nachricht von meinem Vater.
Er schrieb, er sei krank. Er schrieb, er habe Fehler gemacht. Er schrieb, wir seien eine Familie und sollten nicht zulassen, dass Anwälte zwischen uns stünden.
Am Ende bat er darum, Maxim sehen zu dürfen.
Ich las die Nachricht am Küchentisch. Draußen fiel wieder Schnee. Maxim saß auf dem Teppich und baute einen Turm aus Holzklötzen.
„Mama“, sagte er. „Schau.“
„Ich sehe es.“
Der Turm fiel um.
Er lachte.
Ich antwortete meinem Vater nur mit einem Satz:
„Familie ist kein Grund, jemanden zu verletzen, und Reue ersetzt keine Sicherheit.“
Dann löschte ich die Nachricht.
Später legte ich die hellblaue Decke mit den gelben Sternen über Maxim, während er schlief. Die Decke war an einer Ecke eingerissen. Ich hatte sie selbst genäht, mit einem roten Faden, den ich aus meinem Nähkästchen genommen hatte.
Im schwachen Licht der Küche sah der Stoff nicht mehr nach Krankenhaus aus.
Er sah nach Zuhause aus.
Ich schloss die Tür zu Maxims Zimmer und blieb noch einen Moment davor stehen.
Zum ersten Mal musste ich niemanden mehr retten.
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